Mittwoch, 22. Mai 2013


Sein Gift kann töten und heilen:
Der grüne Knollenblätterpilz
(Foto: By Amanita_phalloides_1.JPG: Archenzo derivative work: Ak ccm [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons)
Zu den selteneren Krebsarten gehört der Bauchspeicheldrüsenkrebs. Doch oft wird er viel zu spät entdeckt und ist schwierig zu behandeln. Das Gift des Knollenblätterpilzes zeigte in Studien gute Wirksamkeit.

Bauchspeicheldrüsenkrebs: eine tückische Tumorerkrankung mit prominenten Opfern. Der frühere Apple-Chef Steve Jobs, Dirty-Dancing-Star Patrick Swayze und Jon Lord, Keyboarder der legendären Hardrockgruppe Deep Purple. Sie alle starben an den Folgen dieser Krebserkrankung. Jährlich wird in Deutschland bei etwa 12.000 Menschen Bauchspeicheldrüsenkrebs (Pankreaskarzinom) diagnostiziert.
In Zukunft könnte ein natürliches Mittel im Kampf gegen die Krebszellen helfen. Das Gift des Knollenblätterpilzes wirkte bei Mäusen außerordentlich gut.

Amanitin - im Normalfall unbedingt tödlich

Pilzliebhaber erblassen schon alleine beim Gedanken an einen folgenschweren Irrtum: Der Knollenblätterpilz, leicht mit dem harmlosen und schmackhaften Champignon zu verwechseln, besitzt eines der stärksten Gifte im Pflanzenreich. Das α-Amanitin ist für alle Zellarten absolut tödlich, gleichgültig ob krank oder gesund.
Wissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg entwickelten eine Methode, um mit dem gefährlichen Pilzgift Tumorzellen zu vernichten, ohne gesunde Zellen zu belasten. Durch ihre geschickte Vorgehensweise gelang es den Forschern, das Gift gezielt in den Tumor zu schleusen, so dass es auf dem Weg dahin keinerlei zerstörende Wirkung offenbaren konnte. Helfer war ein Antikörper, der das krebstypische Zelloberflächenprotein EpCAM erkennt und daran andockt. Das Pilzgift Amanitin war chemisch stabil an den Antikörper gebunden.

EpCAM ist ein charakteristisches Membranprotein von Epithelzellen. Epithelzellen umhüllen alle inneren und äußeren Körperoberflächen und die Mehrzahl der Krebstumore entwickelt sich aus dieser Zellart. Viele Tumorarten wie Brust-, Eierstock-, Gallengang- und Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie Kopf- und Halstumoren stellen zu viel des Proteins EpCAM her. Speziell in diesen Fällen sind die Prognosen für die Erkrankung ausgesprochen schlecht. EpCAM gilt deshalb als passende Zielstruktur, um Krebszellen anzugreifen. Forscher haben EpCAM schon mit ungekoppelten Antikörpern behandelt, in der Hoffnung, dass die Tumorzellen danach vom Immunsystem identifiziert und zerstört werden. In klinischen Versuchen an Brustkrebspatientinnen zeigte sich diese Methode leider als unwirksam. Die Mediziner glauben jedoch an das Potenzial des Amanitin-gekoppelten Antikörpers.

Amanitin hielt Krebstumore auf

In Zellkulturen blockierte der mit Amanitin bestückte Antikörper die Ausbreitung von Darm-, Brust-, Gallengang- und Bauchspeicheldrüsenkrebszellen. Bei Mäusen, denen die Forscher menschliche Bauchspeicheldrüsentumore eingepflanzt hatten, genügte eine Behandlung mit dem giftbeladenen Antikörper, um den Krebs zu stoppen. Nach einer zweiten Injektion mit dem Amanitin-Antikörper in höherer Dosierung verschwand bei 90 Prozent der Versuchstiere die Krebsgeschwulst komplett. Die höhere Dosierung wurde von den Mäusen gut vertragen und verursachte keine Leber- oder andere Organschäden aufgrund des Pilzgiftes. Das Pilzgift Amanitin eignet sich besonders gut für diese Art von Behandlung, denn die Giftmoleküle sind so klein, dass sie vom Immunsystem nicht als fremd erkannt werden. Dennoch sind sie so stabil, dass sie eine haltbare chemische Verbindung eingehen. Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass es eine Dosierung gibt, die Krebszellen eliminiert, aber gesundes Gewebe unverändert lässt.

Bauchspeicheldrüsenkrebs - die stille Gefahr

Bauchspeicheldrüsenkrebs ist nach Darm- und Magenkrebs der dritthäufigste Krebstumor der Verdauungsorgane. Auf der Rangliste der tumorbedingten Todesursachen belegt er Platz vier. Männer und Ältere ab 60 erkranken öfter als Frauen.
Bauchspeicheldrüsenkrebs bricht in 95 Prozent aller Fälle im exokrinen Teil der Bauchspeicheldrüse aus. In diesem Teil des Organs werden die Verdauungsenzyme produziert. Nur in fünf Prozent der Fälle entsteht der Krebs im endokrinen Teil des Pankreas, wo Insulin und andere Hormone produziert werden.

Diagnose oft zu spät

Auch wenn Bauchspeicheldrüsenkrebs nicht so häufig auftritt, ist er umso gefährlicher. Pankreaskarzinome tendieren zur Metastasenbildung und weil die Erkrankung oft erst spät festgestellt wird, haben sich dann oftmals schon Metastasen in Leber, Lunge und Knochen eingenistet.
Wissenschaftler New Yorker Universität stellten fest, dass die Krebszellen bei Tumoren der Bauchspeicheldrüse das menschliche Immunsystem unterdrücken können. Das macht sie hochgefährlich, denn solange der Körper die Krebszellen nicht als Feind erkennt und attackiert, kann der Tumor störungsfrei wachsen. Die Studienergebnisse sind im Fachmagazin »Cancer Cell« (DOI:10.1016/j.ccr.2012.04.024) nachzulesen.

Beschwerden werden spät bemerkt

Tumore, die im Bauch ausreichen Raum zum Wachsen haben, verursachen erst im weit fortgeschrittenen Stadium Beschwerden. Der größte Teil der Patienten verliert unfreiwillig Gewicht, klagt über Bauch- und Rückenschmerzen, Appetitverlust und Übelkeit. Doch solche untypischen Symptome zeigen auch Magen-Darm-Erkrankungen. Hat sich ein Tumor im vorderen Teil der Bauchspeicheldrüse gebildet und blockiert den Gallengang, kann es zu einer Gelbsucht kommen.
Exakte Ursachen für diese Krebsart sind bis jetzt nicht bekannt. Fest steht, dass Nikotin und Alkohol das Risiko erhöhen. Dies gilt auch für eine genetische Disposition, wenn beispielsweise Bauchspeicheldrüsenkrebs schon bei nahen Verwandten aufgetreten ist. Fünf bis zehn Prozent der Pankreaskarzinome treten aufgrund familiärer Veranlagung auf. Vermehrt tritt diese Tumorart auch bei Diabetikern oder Patienten mit chronischer Bauchspeicheldrüsenentzündung auf. Leider gibt es für diese Risikogruppen noch keine speziellen Vorsorgeuntersuchungen. Bei den beschriebenen Beschwerden sollte man also eine medizinische Untersuchung nicht lange hinausschieben. Je früher ein eindeutiger Befund vorliegt, desto größer die Chance auf Heilung.

Quelle: Gerhard Moldenhauer, Alexei V. Salnikov, Sandra Lüttgau, Ingrid Herr, Jan Anderl und Heinz Faulstich: Therapeutic Potential of Amanitin-Conjugated Anti-Epithelial Cell Adhesion Molecule Monoclonal Antibody Against Pancreatic Carcinoma. JNCI Journal of the National Cancer Institute 2012; DOI:10.1093/jnci/djs140

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