Montag, 2. März 2015


Kaugummi reinigt die Zähne fast so gut wie Zahnseide
(Foto: Hans - pixabay.com)
Bereits zehn Minuten Kaugummi kauen, kann 100 Millionen Bakterien im Mund entfernen. Das reinigt ähnlich effektiv wie Zahnseide.


Von klein auf wurde uns immer wieder »vorgekaut«, dass Kaugummi Löcher in den Zähnen verursacht und zu schlechter Mundgesundheit führt. Tatsächlich ist es aber so, dass das zähe Kaubonbon eine gute Dentalhygiene ebenso optimal unterstützt wie zweimal täglich Zähneputzen und Flossen, die regelmäßige Reinigung mit Zahnseide. Laut einer aktuellen Studie im Fachjournal »PLOS ONE«, kann zehnminütiges Kaugummi kauen 100 Millionen Bakterien oder zehn Prozent der Keimbelastung im Speichel entfernen.

Modernes Kaugummi ist zuckerfrei
Kaugummi kauen ist für viele Leute einfach eine lasterhafte Gewohnheit. Das Geschäft mit den süßen Gummistreifen beschert den Herstellern Milliardeneinnahmen. Durchschnittlich 100 Streifen Kaugummi kaut jeder Bundesbürger jährlich. Echte Kaugummi-Junkies schaffen allerdings locker 280 Streifen pro Jahr.
Typischerweise wird für die meisten Kaugummisorten der Grundstoff mit Süßungsmitteln, Aromastoffen und anderen Zutaten ergänzt. In der heutigen Zeit wird Zucker häufig durch künstliche Süßstoffe wie Sorbitol, Xylitol oder Mannit ersetzt. Die Zugabe von Xylitol und seinen zuckerfreien Verwandten reduzierte in einer Studie aus 2006 die Bildung des oralen Biofilms auf den Zähnen, der die Ursache für Karies und Zahnfleischerkrankungen wie Parodontitis ist.

Wirkung von Kaugummi auf die Mundgesundheit wenig erforscht
Das Kauen von Kaugummi hatte bei bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen Effekte auf die Gehirnleistung, auf die Stimmung, auf die Wachheit und die Kontrolle des Appetits, aber welche Rolle es bei der Mundgesundheit spielt, darüber wurde bis jetzt selten gesprochen. Um das zu erforschen, versuchte ein Team von Wissenschaftlern von der niederländischen Universität Groningen zu beobachten, ob Kaugummi kauen Bakterien in der Mundhöhle entfernen kann. Fünf angehende biomedizinische Ingenieure kauten für diesen Test zwei verschiedene Standard-Kaugummis mit Spearmint-Geschmack. Die Kauzeit rangierte zwischen 30 Sekunden bis zu zehn Minuten. Anschließend spuckten sie den Kaugummi zur weiteren Analyse in eine Schale mit sterilem Wasser.

100 Millionen Bakterien in 30 Sekunden gebunden
Die Analyse der gekauten Streifen ergab, dass sich auf jedem Kaugummi etwa 100 Millionen Bakterien tummelten und die Anzahl stieg, je länger der Kaustreifen gekaut worden war. Allerdings verloren die Kaugummis nach einer Kauzeit von mehr als 30 Sekunden ihre Haftfähigkeit und konnten dann insgesamt weniger Bakterien einfangen. »Die eingefangenen Bakterien konnten mittels eines Elektronenmikroskops auf dem Kaugummi deutlich sichtbar gemacht werden«, schrieben die Wissenschaftler in ihrer Publikation. Ein Dauerkauen von Kaugummi hat also keinen gesundheitsfördernden Effekt, eher das Gegenteil. Bei einer verlängerten Kauzeit besteht die Gefahr, dass die Bakterien sich wegen der nachlassenden Haftung wieder im Mundraum verteilen. Wichtig ist natürlich auch, zuckerfreie Kaugummis zu wählen, da die krankmachenden Bakterien sich von Zucker ernähren und dann besonders gut vermehren.

Zusatzstoffe im Kaugummi für bessere Mundgesundheit
Die Kaugummi-Produzenten fügen den Kaugummis schon bewusst mehr aktive Substanzen zu, um die Remineralisierung der Zähne zu verbessern und Zahnfäule entgegen zu wirken oder um mit Hilfe des Kaugummis Zahnbeläge und Zahnfleischentzündungen zu reduzieren. Zum Beispiel werden Fluoride, antimikrobielle Wirkstoffe wie Chlorhexidin und Kräuterextrakte und auch Reinigungsmittel wie Polyphosphate zugefügt, um die Reinigungskraft zu erhöhen. Die aktuelle Studie könnte den Wissenschaftlern dabei helfen, einen Kaugummi zu entwickeln, der selektiv bestimmte krankmachende Bakterien im Mund bekämpft.


Kaugummi könnte genauso wirkungsvoll sein wie Zahnseide, obwohl beide unterschiedliche »Zielregionen« im Mund haben. Kaugummi entfernt Bakterien nicht an denselben Stellen im Mund wie eine Zahnbürste oder Zahnseide. Die Ergebnisse legen mehr Gewicht auf die Langzeitwirkung von Kaugummi als auf die unmittelbare Wirkung von Zähneputzen und Flossen.
Die amerikanische Zahnärztekammer warnt bereits, dass Kaugummi kauen weder eine Zusatzmaßnahme noch ein Ersatz für Zahnbürste und Zahnseide ist. Zweimal täglich Zähne putzen mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta und das Reinigen der Zahnzwischenräume einmal am Tag mit Zahnseide oder geeigneten Bürstchen bleibt die Standardempfehlung zur Gesunderhaltung des Mundraums. Doch als »Notlösung« für unterwegs kann auch das Kauen eines zuckerfreien Kaugummis zumindest für frischen Atem und ein glatteres Gefühl auf den Zähnen sorgen. Aber bitte nach dem Kauen ordnungsgemäß entsorgen, damit die Umwelt und die Schuhe der Mitmenschen von der Kaumasse verschont bleiben.

Quellen: Busscher HJ, Maitra A, Monrando D et al.: Quantification and Qualification of Bacteria Trapped in Chewed Gum. PLOS ONE, 2015. DOI:10.1371/journal.pone.0117191

Ly KA, Milgrom P, Mueller G.: Mutans streptococci dose response to xylitol chewing gum. J Dent Res. 2006 Feb;85(2):177-81. DOI: 10.1177/154405910608500212

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Gesundheit & Wissenschaft

Gesundheit & Wissenschaft
Bitte beachten Sie, dass Artikel auf dieser Seite generell fachlichen Rat - zum Beispiel durch einen Arzt - nicht ersetzen können.

Categories

Angelika Lensen. Powered by Blogger.

Autor(en)

Alle Beiträge auf Gesundheit & Wissenschaft wurden von Angelika Lensen erstellt.

About Me

Mein Foto
Ich schreibe als freie Journalistin für Online- und Printmedien
über Gesundheit, Medizin und Wissenschaft.


Werbepolitik

Diese Internetseite ist frei von Werbung und wird ausschließlich privat finanziert.

Letzte Aktualisierung

Beliebte Artikel

Folgen Sie dem Blog per E-Mail

Google+ Badge