Sonntag, 10. April 2016


Die Umstellung auf Sommerzeit erhöht
das Risiko für Schlaganfälle
(Foto: zwekke2 - pixabay.com)
Durch die Umstellung auf Sommerzeit steigt das Risiko für Schlaganfälle, sagen neue Forschungen.


Jedes Jahr am letzten März-Wochenende ist es wieder soweit: Die Uhr wird für die Sommerzeit um eine Stunde vorgestellt. Das ist in Deutschland nun schon seit 1980 so und über die Jahre gab und gibt es mehr und mehr Zweifel, ob die Zeitumstellung noch sinnvoll ist. Das ursprüngliche Ziel nach dem Schrecken der Ölkrise 1973, durch eine bessere Nutzung des Tageslichtes mehr Energie einzusparen, wurde bis heute nicht erreicht. Das elektrische Licht, das abends eingespart wird, wird durch mehr verbrauchte Heizenergie in den Morgenstunden wieder zunichtegemacht. Der Energieverbrauch steigt dadurch sogar insgesamt an. Und inzwischen lehnt die Mehrheit der Deutschen die Sommerzeit ab, wie Umfragen immer wieder ergeben haben. Und nicht nur »Otto Normalverbraucher« hält die Sommerzeit für überflüssig. Wissenschaftliche Untersuchungen in den vergangenen Jahrzehnten belegen, dass die Zeitumstellung für viele Probleme im Verkehr, in der Wirtschaft und vor allem im Gesundheitsbereich sorgt.

Erhöhtes Risiko für Schlaganfall
Eine aktuelle Studie der amerikanischen Neurologie-Gesellschaft AAN (American Academy of Neurology) kommt zu dem Schluss, dass die Zeitumstellung zumindest zeitweise das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall erhöht. Ein ischämischer Schlaganfall ist die häufigste Form des Schlaganfalls. In 87 Prozent aller Schlaganfälle handelt es sich um diese Form, bei der durch ein Blutgerinnsel die Blutzufuhr im Gehirn beeinträchtigt wird. Das führt zum Absterben der Nervenzellen und zum Ausfall von Körperfunktionen, die von der betroffenen Hirnregion gesteuert werden.
»Frühere Studien haben gezeigt, dass Störungen des zirkadianen Rhythmus, auch biologische Uhr genannt, das Risiko für ischämische Schlaganfälle erhöhen. Deshalb wollten wir herausfinden, ob die Sommerzeit das Risiko tatsächlich für Menschen erhöht«, erklärt Studienautor Dr. Jori Ruuskanen von der finnischen Turku-Universität.

Mehr Schlaganfälle bei Vorerkrankungen und im Alter
Für die Studie analysierten die Forscher Daten eines Jahrzehntes. Sie verglichen die Schlaganfall-Rate in der Woche nach der Sommerzeit-Umstellung mit der Rate zwei Wochen vor und nach der Zeitumstellungswoche. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Gesamtzahl der ischämischen Schlaganfälle in den beiden Tagen nach Sommerzeit-Beginn acht Prozent höher war. Nach den beiden Tagen gab es keinen Unterschied mehr. Krebs-Patienten hatten ein 25 Prozent höheres Risiko nach dem Sommerzeit-Beginn einen Schlaganfall zu erleiden. Auch für Senioren über 65 erhöht sich das Risiko nach der Zeitumstellung um 20 Prozent. Einziger Trost: Die Anzahl der klinischen Todesfälle nach einem Schlaganfall stieg in der Woche nach dem Beginn der Sommerzeit nicht an. »Weitere Studien müssen den Zusammenhang zwischen Zeitumstellung und Schlaganfall-Risiko klären und auch zeigen, ob es möglich ist, dieses Risiko zu senken«, sagt Ruuskanen.

Mehr Herzinfarkte und Unfälle
In der ersten Woche der Sommerzeit gibt es eine Häufung von Herzinfarkten, ergaben Forschungen in den vergangenen Jahren. Dasselbe trifft auch für tödliche Autounfälle zu und auch Arbeitsunfälle treten gehäuft nach dem Beginn der Sommerzeit auf. Und eine australische Studie berichtete schon 2008 über mehr Selbsttötungen in der ersten Woche nach der Zeitumstellung im Frühjahr.
Diabetiker, die mit einer Insulinpumpe behandelt werden und vergessen, die Uhr des Gerätes rechtzeitig neu einzustellen, laufen Gefahr zu viel oder zu wenig Insulin zu erhalten. Das stellte eine Studie der Michigan State University fest. Steigt der Blutzucker zu stark an oder fällt er zu sehr ab, kann das schwerwiegende Folgen für diese Patienten haben. Besonders bei einer Unterzuckerung können Ohnmachtsanfälle bis hin zum Koma auftreten.

Cyberloafing: die kleine Internetpause kostet Millionen
Zigarettenpause, ein Schwätzchen in der Kaffeküche, Spaziergang um den Block: Das alles war gestern. Wer heute während der Arbeit eine kurze Auszeit braucht, taucht einfach in das große Universum des World Wide Web ab. Viele Arbeitnehmer empfinden das als eine Art Kurzurlaub und fühlen sich danach eher wieder bereit für neue Aufgaben. »Cyberloafing« nennen das Psychologen. Und obwohl Chefs dieses »virtuelle Bummeln« eher mit Argwohn betrachten und Experten einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden berechnen, gibt es auch Studien, die über einen positiven Effekt der Internetspaziergänge berichten. Die virtuellen Ausflüge sollen entspannen und Stress abbauen, so dass die Arbeitnehmer dann wieder konzentriert und produktiv weiterarbeiten können. Die Universitätvon Texas in San Antonio sieht die Sache etwas differenzierter. Professor Mathew McCarter macht einen Unterschied zwischen »Freizeit-Surfen und »Cyberloafing«. »Freizeit-Surfen kann sogar nützlich sein«, sagt McCarter. »Es entstresst und kann helfen, wieder kreativ zu sein und neue Gedanken zu schöpfen. Aber Cyberloafing ist anders. Dabei geben die Leute vor zu arbeiten und surfen statt dessen im Internet.« Das verursacht in den USA jährlich einen Schaden von mehreren hundert Millionen Dollar. Und es ist beinahe unmöglich, die Leute in Zeiten mobiler internetfähiger Geräte von der Benutzung des Internets abzuhalten. In einer britischen Studie wurde dokumentiert, dass Mitarbeiter durch Twitter- und Facebook-Nachrichten alle zehn Minuten ihre Arbeit unterbrachen und es etwa 23 Minuten dauerte, bis sie schließlich zum Arbeitsablauf zurückkehrten.

Gestörter Biorhythmus verstärkt chronische Beschwerden
Die durch die Zeitverschiebung gestörte innere Uhr löst bei vielen Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Migräne oder Cluster-Kopfschmerz eine Schmerzattacke aus. Der Schlafentzug bringt den Hormonhaushalt durcheinander und kann unterschiedliche chronische Beschwerden verschlimmern. Das reicht von Schlafapnoe über Verdauungsbeschwerden bis hin zu depressiven Symptomen. Ebenso muss die Einnahme von Medikamenten zeitlich angepasst werden, was ebenfalls Beschwerden verstärken kann.
Sogar unsere mikroskopisch kleinen Mitbewohner leiden unter einer Zeitumstellung. Israelische Forscher stellten in einer Studie fest, dass auch die Darmflora eine eigene biologische Uhr besitzt. Bei Mäusen zumindest ändert sich die Zusammensetzung der Darmbakterien im Verlauf des Tages. Die Anzahl verschiedener Bakterienarten schwankt in 24 Stunden und auch die damit verbundenen Funktionen der Darmflora unterliegen einem Rhythmus. Je nach Helligkeit und Nahrungsaufnahme werden Stoffwechselvorgänge wie Energieproduktion, Nahrungsverwertung, Wachstum oder Entgiftung ausgelöst. Bringt man unsere bakteriellen Untermieter also aus dem Takt, kann das auf Dauer ernsthafte Folgen haben. Schichtarbeiter und Leute, die häufig Flugreisen in unterschiedliche Zeitzonen machen, sind dafür bekannt, ein höheres Krankheitsrisiko für beispielsweise Diabetes zu haben.
Doch trotz dieses Wissens werden wir auch in diesem Jahr wieder leiden müssen: Ausgerechnet der Osterhase klaut uns am Ostersonntag eine Stunde Schlaf. Hoffen wir, dass er dafür als Entschädigung wenigstens reichlich Ostereier mitbringt.

Quelle: Jussi O.T. Sipilä, Jori Ruuskanen, Päivi Rautava, Ville Kytö. Daylight Saving Time Transitions, Incidence and In-hospital Mortality of Ischemic Stroke. American Academy of Neurology’s 68th Annual Meeting in Vancouver, Canada, April 15 to 21, 2016

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