Donnerstag, 7. April 2016


Zucker schadet dem Herzen mehr als gesättigte Fette
(Foto: Maddox74 - pixabay.com)
Tödliche Herzprobleme treten eher durch Zucker als durch gesättigte Fettsäuren auf, wie amerikanische Forschungen beweisen.


Die koronare Herzerkrankung (KHK), bei der die Herzkranzgefäße durch Ablagerungen geschädigt sind, ist die Todesursache Nummer eins in westlichen Ländern. Ein akutes Symptom für diese Erkrankung ist ein Herzinfarkt.
Jahrelang haben wir zu hören bekommen, dass wir mit gesättigten Fetten aufpassen müssen, weil diese die Herzkranzgefäße zu viel belasten. Ein viel größerer Übeltäter, Zucker, bleibt dadurch vernachlässigt, schreiben die Forscher James DiNicolantonio, James O’Keefe und Sean Lucan im Fachjournal »Progress in Cardiovascular Diseases«.

Raffinierter zugefügter Zucker richtet Schaden an
Sie analysierten, welche Beweise es gibt für den Zusammenhang zwischen gesättigten Fettsäuren, Zucker und koronaren Herzerkrankungen. Ihre Schlussfolgerung: Zuckerkonsum, vor allem in Form von raffiniertem zugefügtem Zucker wie handelsüblicher Kristallzucker, verursacht viel eher Herzerkrankungen als gesättige Fette.
Die große Aufmerksamkeit für gesättigte Fettsäuren ergab sich aus Forschungen, die in den 1950-er Jahren durch den Amerikaner Ancel Keys gestartet wurden. Er ging davon aus, dass gesättigte Fettsäuren den Cholesterinspiegel ansteigen lassen und zu Herzerkrankungen führen. Zur selben Zeit wies der Brite John Yudkin auf die viel gefährlichere Rolle von Zucker hin. Beide Wissenschaftler konnten ihre Theorien durch große Beobachtungsstudien stützen, denn Menschen essen Nahrungsmittel, die beides enthalten und nicht nur einzelne Nahrungsbestandteile. Doch Medizinwelt und Regierungen drängten ab den 1960-er Jahren vor allem auf eine Begrenzung der Fettzufuhr.

Fettstoffwechsel komplexer als angenommen
Dass Yudkin und Keys zu dieser Zeit zu entgegengesetzten Schlussfolgerungen kamen, ist verständlich: Menschen, die viel Zucker essen, essen oft auch viele gesättigte Fette. Doch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, verfügen die Wissenschaftler über wesentlich mehr Daten und Ergebnisse. »Außerdem verstehen wir besser, welchen Einfluss Nahrung auf unseren Körper und vor allem auf koronare Herzkrankheiten hat«, sagt DiNicolantonio.
Wie gesättigte Fette im Stoffwechsel verarbeitet werden, erweist sich doch als weitaus komplexer als lange Zeit angenommen. So sind bestimmte gesättigte Fette sogar gut fürs Herz. Sie erhöhen nämlich das »gute« HDL-Cholesterin, das mit einem reduzierten Risiko für Herzkrankheiten in Verbindung gebracht wird.

Fette oft durch Zucker ersetzt
Die gesättigten Fette oder eine andere Komponente in der Ernährung zu ersetzen, bedeutet beinahe zwangsläufig, es durch etwas anderes zu ersetzen. Wenn Kohlenhydrate, besonders raffinierte Kohlenhydrate wie Zucker, die gesättigten Fette ersetzen, kann das einen negativen Einfluss auf die Blutfettwerte haben.
Wie bereits vorher erwähnt, essen Menschen keine isolierten Fettsäuren; sie essen Nahrungsmittel, die aus einer Mischung von Fettsäuren und anderen Bestandteilen bestehen. Während eine hohe Zufuhr von verarbeitetem Fleisch das Risiko für koronare Herzerkrankungen steigern kann, können gesättigte Fette aus Milchprodukten das Risiko sogar senken.

Zucker verursacht in wenigen Wochen Schäden
Es wurde bereits gezeigt, dass eine Ernährung mit viel Zucker innerhalb weniger Wochen schon zahlreiche Veränderungen hervorruft, die auch bei Patienten mit koronarer Herzerkrankung vorkommen. Dazu gehören hohes Gesamtcholesterin, hohe Triglycerid-Werte, hohes »schlechtes« LDL, hoher Harnsäurespiegel, Insulinresistenz, niedriges »gutes« HDL und eine veränderte Funktion der Blutplättchen. Dieser Gesamteffekt einer zuckerhaltigen Ernährung auf die Gesundheitsmarker ist wahrscheinlich schädlicher für die Gesundheit als ein erhöhter Konsum gesättigter Fette, die zwar das »schlechte« LDL erhöhen können, aber auch gleichzeitig das »gute« HDL steigen lassen.

Fruktose hemmt die Wirkung des Hungerhormons Leptin
Zugefügte Fruktose - meist in Form von Haushaltszucker - oder Fruktosesirup in verarbeiteten Lebensmitteln und Getränken scheint dagegen potenziell besonders gefährlich. Der Konsum dieser Zuckerarten kann zu einer Resistenz gegen Leptin führen, welches das Schlüsselhormon für die Regulierung eines normalen Körpergewichts darstellt. Die übermäßige Zufuhr von Fruktose erhöht ohne Zweifel das Risiko für Übergewicht, was ebenfalls ein Risikofaktor für die koronare Herzerkrankung ist.

Fruktose fördert eine Fettleber
Übermäßiger Konsum von Fruktose erhöht außerdem merklich das Risiko für eine nicht-alkoholische Fettlebererkrankung (NAFLE), eine der meist vorkommenden Lebererkrankungen und ein starker Risikofaktor für die Schädigung der Herzkranzgefäße. Eine Fettlebererkrankung schädigt das Herz mehr als Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, männliches Geschlecht, hohes Cholesterin und metabolisches Syndrom.

Keine Gefahr durch Zucker aus Obst und Gemüse
Natürlicher Zucker aus Obst und Gemüse formt keine erhöhte Gefahr fürs Herz. Das Problem sind die raffinierten Zuckerarten in verarbeiteten Lebensmitteln und Fertiggerichten. Leider enthalten 75 Prozent der verpackten Lebensmittel und Getränke zugefügten Zucker oder Fruktosesirup. Eine sehr zuckerhaltige Ernährung fördert außerdem Prädiabetes und Diabetes, wie Studien festgestellt haben. Und beides schädigt die Herzkranzgefäße und besonders die linke Koronararterie.

Ernährungsempfehlung: Verarbeitete Lebensmittel meiden
Stark verarbeitete Lebensmittel sind tendenziell auch Quellen für gesättigte Fette, doch die Schäden, die diesen Produkten zugeschrieben werden, haben vielleicht nichts mit dem Fett zu tun, aber alles mit der Verarbeitung selbst. Deshalb ist die beste Empfehlung, verarbeitete Lebensmittel zu meiden anstatt nur gesättigten Fetten aus dem Weg zu gehen. Das könnte dazu führen, dass Menschen Lebensmittel meiden, die eigentlich harmlos sind und - im Falle von Milchprodukten - sogar gesundheitsfördernd. Sie könnten im schlimmsten Fall zu Produkten greifen, die ihnen eher schaden, weil sie zwar wenig Fett enthalten, aber stark verarbeitet sind und große Mengen versteckten zugefügten Zucker enthalten.
»Nach einer gründlichen Analyse der Beweislage scheint es angemessen, dass die Ernährungsempfehlungen den Fokus nicht länger auf die Reduzierung gesättigter Fette richten, sondern mehr auf die Vermeidung von zugefügtem Zucker«, erklärt DiNicolantonio. »Die wichtigste Empfehlung sollte das Essen frischer Nahrungsmittel unterstützen und die Vermeidung von stark verarbeiteten Nahrungsmitteln.«

Quelle: James J. DiNicolantonio, Sean C. Lucan, James H. O’Keefe. The Evidence for Saturated Fat and for Sugar Related to Coronary Heart Disease. Progress in Cardiovascular Diseases, 2015; DOI: 10.1016/j.pcad.2015.11.006

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