Samstag, 5. September 2026

Darum ist Musik so wichtig für Menschen mit Demenz

Musik ist wichtig für Menschen mit Demenz (Foto: pixabay.com)


Musik macht etwas mit einem: Sie macht fröhlich und weckt Emotionen. Das gilt ganz sicher auch für Menschen mit Demenz: Ein Livekonzert ist für sie weit mehr als nur ein Abendausflug. Das geht aus einem speziellen Musikprogramm der Northwestern University hervor.

 

Das Programm mit dem Namen „Musical Museum“ wurde speziell für Menschen mit neurokognitiven Erkrankungen und ihre pflegenden Angehörigen entwickelt. Eine neue Studie zeigt, dass die Teilnehmer die Vorstellung sehr genossen hatten und sich danach nachweislich besser fühlten. „Dieses Programm hat mir Ruhe und Entspannung gebracht und manchmal sogar zu einem befreienden Weinkrampf geführt“, berichtete ein Teilnehmer in einer Umfrage. Ein anderer hob vor allem den sozialen Aspekt hervor: „Es ist eine großartige Gelegenheit, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die ähnliche Erfahrungen machen.“

Musikverständnis bleibt lange intakt

Immer mehr Forschungsergebnisse zeigen, dass lebenslanges Lernen gegen kognitiven Verfall helfen kann, doch in der Praxis nehmen nur wenige ältere Menschen mit Demenz an traditionellen Kursen teil. Oft haben sie Angst, nicht mithalten zu können. Deshalb eignet sich das Musical-Museum so gut. Die Konzert- und Vortragsreihe entstand während der Corona-Pandemie, als viele Menschen mit Demenz gezwungenermaßen isoliert waren.

„Bei Menschen mit Demenz bleibt das Musikverständnis oft lange Zeit erhalten“, sagt Programmleiter und Pianist Borna Bonakdarpour. „Deshalb ist das Musical Museum eine großartige Möglichkeit, Emotionen zu regulieren und gleichzeitig die intellektuellen und kognitiven Funktionen zu stimulieren. Wir möchten ihr Gehirn kontinuierlich aktiv halten.“ Bonakdarpour ist nicht nur klassisch ausgebildeter Pianist, sondern auch Professor für Verhaltensneurologie.

Von Jazz und Bossa Nova bis Barock

Im Durchschnitt nehmen etwa 50 Personen an dem Programm teil. In einstündigen Sitzungen hören die Teilnehmer vielfältige Musik: von Jazz und Bossa Nova bis hin zu Barock und anderen Stilrichtungen. Die Musik wird stets mit Erläuterungen zum historischen und musikalischen Hintergrund begleitet. Dies hilft den Teilnehmern, neue Kompositionen besser zu verstehen, und verleiht bekannter Musik zusätzliche Bedeutung.

 

„Mir hat vor allem der historische Kontext der Stücke sehr gut gefallen“, erzählt ein Teilnehmer. „Dadurch habe ich neue Musik mehr zu schätzen gelernt und die Musik, die ich bereits kannte, besser verstanden.“ Insgesamt durften die Teilnehmer an der Studie an elf Treffen teilnehmen. Jede Sitzung hatte ein eigenes Thema, bei dem Musik mit großen menschlichen Themen wie Liebe, Verlust und Zeit in Verbindung gebracht wurde. Auch Epochen, die bei vielen älteren Menschen wichtige Erinnerungen wecken, wie die 1960er- und 1970er-Jahre, nahmen einen besonderen Platz ein.

Erkennen und entdecken

Man hatte sich bewusst für eine Kombination aus bekannter und unbekannter Musik entschieden. Bekannte Lieder stammen in der Regel aus der Zeit, als die Teilnehmer jung waren, also aus ihren frühen bis späten Teenagerjahren. Frühere Untersuchungen deuten darauf hin, dass solche Musik autobiografische Erinnerungen weckt, das Selbstbewusstsein stärkt und Unruhe verringern kann. Die weniger bekannte Musik war meist tonfest und melodiös, mit Einflüssen aus verschiedenen Kulturen und traditioneller Volksmusik aus aller Welt.

„Wir haben uns für den Namen „Musical Museum“ entschieden, weil wir jedes Musikstück so behandeln, als wäre es ein Kunstwerk, das speziell für ein Museum ausgewählt wurde“, erklärt Bonakdarpour. „Wir verbinden Wissenschaft und Kreativität und bieten Menschen, die von kognitivem Verfall betroffen sind, einen Rettungsanker. Kunst kann Freude und Verbundenheit schaffen.“

Ein sicherer Ort, um wieder unter Menschen zu kommen

Nach den Konzerten gibt es die Gelegenheit, gemeinsam etwas zu trinken und sich auszutauschen. Das mag vielleicht wie ein kleiner Teil des Programms erscheinen, ist aber für Menschen mit Demenz gerade besonders wertvoll. „Es kommt häufig vor, dass sich Menschen mit Demenz zurückziehen, weil sie sich unsicher oder beschämt fühlen, insbesondere wenn ihre Sprachfähigkeit nachlässt“, sagt Bonakdarpour. „Das ist eine großartige Möglichkeit, sie wieder aus ihrer Isolation herauszuholen. Außerdem ist es schön, sie einmal außerhalb der klinischen Umgebung zu treffen.“

 

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