Montag, 3. Juni 2013


Eine Lithium-Therapie geht oft mit
stärkerem Harndrang einher
(Foto: VitaBuona/pixabay.com)

Eine Lithium-Therapie hat oft einen gestörten Flüssigkeitshaushalt zur Folge. Gegen den vermehrten Harndrang soll nun ein bereits bekanntes Medikament helfen.


Wissenschaftler am UMC St. Radboud im niederländischen Nijmegen entdeckten jetzt, dass man mit einem bereits bekannten Medikament - Acetazolamid - die erhöhte Urinproduktion bei einer Lithium-Therapie senken kann.
Lithium wird in vielen Fällen zur Behandlung von psychischen Erkrankungen verordnet. Dabei können verschiedene Nebenwirkungen wie stärkeres Durstgefühl und häufiger Harndrang auftreten. Einige Patienten entwickeln einen nephrogenen Diabetes insipidus (NDI), eine Erkrankung, bei der die Nieren nicht in der Lage sind den Urin zu konzentrieren. Dadurch müssen sie häufiger zur Toilette, auch nachts, was den Tag- und Nachtrhythmus stört.

Weniger Aquaporine in den Nieren

Promovend A. P. Sinke betrieb Grundlagenforschung für den Wasserstoffwechsel, um die zugrundeliegenden Mechanismen zu verstehen und die Veränderungen zu erklären. Er untersuchte in vitro anhand von Nierenzellen von Mäusen die Reaktion auf Lithium und Acetazolamid. Das zeigte, dass Lithium die Produktion von Wasserkanälen in der Niere, sogenannte Aquaporine, reduzierte. Anschließend führten die Forscher verschiedene Tests an lebenden Mäusen durch. Sie mussten nach der Gabe von Lithium häufiger Wasser lassen. Sowohl bei den Tests an Nierenzellen als auch bei den lebenden Versuchstieren war Acetazolamid in der Lage, die Störungen im Wasserstoffwechsel zu korrigieren.

Acetazolamid fördert die Bildung neuer Aquaporine

Um einer Austrocknung des Körpers entgegen zu wirken, finden normalerweise zwei Dinge statt: Man bekommt ein Durstgefühl und das Gehirn gibt ein Signal an die Nieren zur Bildung eines bestimmten Hormons, das antidiuretische Hormon Vasopressin.
»Vasopressin sorgt dafür, dass mehr Wasserkanäle in den Nieren gebildet werden, die das Wasser wieder in den Körper zurückführen. Bei Patienten mit einem durch Lithium verursachten nephrogenen Diabetes insipidus sind weniger Aquaporine in den Nieren vorhanden und das Wasser kann nicht wieder in den Körper aufgenommen werden. Das führt zu erhöhten Urinmengen. Acetazolamid stimuliert die Bildung zusätzlicher Wasserkanäle in den Nieren und senkt so das Urinvolumen«, erklärt Doktorand Sinke.

Weniger Nebenwirkungen

Menschen, die durch die Anwendung von Lithium unter einer erhöhten Harnausscheidung (Polyurie) leiden, werden durchweg mit einer Kombination von Diuretika behandelt, um den Wasserhaushalt wieder in Balance zu bringen: Amilorid und Thiazid. »Leider haben diese Mittel Nebenwirkungen wie Elektrolytstörungen. Bei Amilorid und Thiazid geht es um ein erhöhtes Kaliumniveau und ein vermindertes Natriumniveau. Das möchte man lieber nicht haben«, erklärt Sinke weiter. Lithium wird momentan noch hauptsächlich bei bipolaren Störungen (manisch-depressiven Erkrankungen) eingesetzt, aber zukünftig vielleicht auch bei der Alzheimer-Erkrankung. Zwischen 1996 und 2005 wuchs die Zahl der Lithium-Anwender um 10.000 und die Zahlen steigen noch immer an. »Das Mittel verbessert die Lebensqualität von Patienten mit bipolaren Störungen derart, dass es oft keine Option ist, das Mittel abzusetzen. Aber bei Polyurie ist es vielleicht besser um Acetazolamid zu verordnen anstelle der bisherigen Diuretika. Acetazolamid zeigte bei Mäusen auf jeden Fall wesentlich weniger Nebenwirkungen«, so Sinke.

Erprobtes Arzneimittel

Acetazolamid wird auch angewendet zur Augeninnendrucksenkung beim Glaukom, im Volksmund als grüner Star bekannt und bei der Höhenkrankheit, denn Acetazolamid fördert die Ausschwemmung übermäßiger Flüssigkeitsansammlungen. Es ist ein erprobtes Arzneimittel und deshalb sind erneute Sicherheitstests unnötig. Anstehende Studien in den Niederlanden und in Neuseeland müssen zeigen, ob Acetazolamid auch für Menschen in der Lithiumtherapie geeignet ist. »Wenn es funktioniert, haben wir wirklich etwas gefunden, um Patienten zu helfen. Dabei geht es um 20.000 Menschen in den Niederlanden und sieben Millionen Patienten weltweit«, so die Forscher.

Quelle: P. A. Sinke: Understanding the mechanisms of disorders in osmoregulation and their potential treatments, UMC St. Radboud Nijmegen

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