Montag, 8. August 2016


Ab 50 verkürzt schwere Arbeit die Lebenserwartung
(Foto: skeeze - pixabay.com)
Menschen ab 50, die körperlich anstrengende Berufe ausüben, müssen eigentlich umschulen. Sonst riskieren sie, einige Jahre früher zu sterben.


Wir sollen zukünftig immer länger arbeiten für unsere Altersrente. Anders ist das Rentensystem nicht zu finanzieren, sagt der Gesetzgeber. Doch Menschen, die nach dem 50. Lebensjahr noch schwer körperlich arbeiten, werden nach ihrer Pensionierung weniger lange Leben, meint der niederländische Gesundheitsökonom Bastian Ravesteijn von der Erasmus-Universität Rotterdam.

Schwere Berufe lassen schneller altern
Menschen mit körperlich belastenden Berufen müssten eigentlich nach dem 50. Lebensjahr umschulen. Das könnte verhindern, dass ihre Arbeit ihrer Gesundheit so weit schadet, dass sie überhaupt nicht mehr arbeiten können. Denn der Gesundheitseffekt eines Jahres körperlich schwerer Arbeit, ist vergleichbar mit 16 Monaten älter werden. Das ist das Ergebnis der Promotionsarbeit von Gesundheitsökonom Bastian Ravesteijn über die Gesundheitsunterschiede zwischen Arm und Reich.

Umschulung statt Erwerbsunfähigkeit
Wie kann der Gesetzgeber Gesundheitsunterschiede zwischen Arm und Reich verkleinern? Das ist die zentrale Frage in Ravesteijns Doktorarbeit »Measuring the Impact of Public Policy on Socioeconomic Disparities in Health«. Er untersuchte die Wirkung politischer Maßnahmen auf die gesundheitlichen Unterschiede zwischen Arm und Reich. Ravesteijn meint, dass Menschen mit körperlich anstrengenden Berufen nach dem 50. Lebensjahr umschulen sollten. So könnte vermieden werden, dass ihr Beruf ihnen so viel schadet, dass sie gar nicht mehr arbeiten können. Der Gesundheitseffekt eines Jahres körperlich schwerer Arbeit im höheren Alter ist nämlich vergleichbar mit der Wirkung von 16 Monaten Alterungsprozess. Im Klartext: Wer zwölf Monate schwer körperlich arbeitet, altert gleichzeitig um 16 Monate.

Wenig eigene Kontrolle macht auch alt
Und wer wenig Kontrolle hat über seine täglichen Aufgaben bei der Arbeit - was häufig vorkommt bei schweren Berufen - altert immer noch sechs Monaten schneller. Längere Lebensarbeitszeit bedeutet für Arbeitnehmer in schweren Berufen daher, dass sie länger gesundheitsschädlichen Effekten ausgesetzt sind, gerade in einem Alter, in dem diese Arbeit am schwersten fällt.

Die fünf schwersten Berufe
Ravesteijn hat anhand von Daten über Merkmale bestimmter Berufsgruppen eine Rangliste mit 320 Berufen erstellt, sortiert nach dem Grad der Gesundheitsbelastung. Die körperlich schwersten häufig vorkommenden Berufe sind demnach: Maurer, Zimmermann, Postsortierer, Bäcker und Pflegepersonal. Auf derselben Ebene können auch Feuerwehrleute angesiedelt werden. »Feuerwehrleute wissen bei ihrer Berufswahl, dass sie früher in Rente gehen. Diese Kompensation gibt es nicht umsonst. Sie arbeiten auf einen vorgezogenen Ruhestand hin und brauchen ihn auch, sowohl körperlich als geistig«, meint Ravesteijn. »Sie hätten vielleicht diesen Beruf nicht ergriffen, wenn das Rentenalter höher gewesen wäre.«

Fünf Berufe mit wenig Eigenregie
Die fünf Berufe, bei denen Arbeitnehmer am wenigsten Kontrolle über die täglichen Aufgaben haben, sind: Fließbandmitarbeiter, Maschinenbediener in Chemiefabriken, Maurer, Postsortierer und Kassenpersonal. Für seine Untersuchungen griff Ravesteijn auf Daten über Arbeit und Gesundheit zurück aus den Niederlanden und Deutschland, wo Menschen bis zu 29 Jahre beobachtet wurden. So konnte man Faktoren berücksichtigen, die sowohl die Auswahl der Berufsgruppen als auch die Gesundheit beeinflussten.

Stress soll weniger schaden als körperlich anstrengende Arbeit
Ravesteijn zeigt weiter, dass Menschen mit wenig geschätzten Berufen in den Niederlanden dreimal so häufig über eine schlechte Gesundheit berichteten als Menschen mit hoch angesehenen Berufen. Ihre Sterberate ist doppelt so hoch und sie werden zweimal so häufig erwerbsunfähig. Eine allgemeine Erhöhung des Rentenalters ist damit nachteiliger für Menschen mit anstrengenden Berufen: Wenn sie zwei Jahre länger arbeiten müssen, stellt das einen relativ größeren Anteil ihrer Lebenserwartung nach der Pensionierung dar. Das Rentenalter für Menschen in körperlich weniger anstrengenden Berufen steigen zu lassen - meist Menschen mit höherer Ausbildung und höherem Einkommen - scheint dagegen eine vernünftige politische Maßnahme. »Ich habe in meiner Untersuchung keinen Beweis gefunden, dass Stress schädlich ist. Körperliche Belastung nach dem 45. Lebensjahr ist jedoch schädlich und ab 55 sogar gefährlich und riskant. Außerdem kann die emotionale Belastung der Arbeit auch noch Einfluss haben, aber das konnte ich nicht vergleichen«, erklärt Ravesteijn.

Effekte einer späteren Schulwahl
Eine andere Untersuchung der Promotionsarbeit beschäftigte sich mit dem Effekt eines späteren Schulwahlalters auf Chancengleichheit bei Bildung und die Gesundheit in späteren Lebensjahren. Laut Ravesteijn sorgt eine Verzögerung der Schulwahl um einige Jahre für mehr Gleichheit zwischen Arm und Reich.
In den Niederlanden wählen Kinder bereits mit zwölf Jahren eine mittlere Schullaufbahn, so dass sie früh getrennt und auf unterschiedlichen Niveaus unterrichtet werden. In Ländern wie Finnland hingegen werden Kinder unterschiedlicher Klassenstufen seit den 1970-er Jahren bis zum Alter von 16 Jahren zusammenunterrichtet. So wird vermieden, dass Kinder zu früh eine bestimmte Richtung einschlagen. Dadurch das das Alter der Schulwahl in Finnland in einigen Regionen früher erhöht wurde als in anderen Regionen, konnte Ravesteijn die Wirkung dieses Systems einschätzen und gleichzeitig die Unterschiede zwischen Geburtsjahrgängen und Regionen berücksichtigen.

Spätere Schulwahl für sozial schwache Familien positiv
Ravesteijn schließt daraus, dass die Erhöhung des Schulwahlalters in Finnland - von 11 auf 16 Jahre - positive Auswirkungen hatte für Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen. Ihre Chance, einen Universitätsabschluss zu erreichen, stieg von 6 auf 7,5 Prozent. Die Chance auf einen Universitätsabschluss für Kinder aus Familien mit höherem Einkommen nahm dagegen von 24 auf 22 Prozent ab durch das Absenken des Schulwahlalters.
Die späte Schulwahl wirkte sich auf den gesamten Lebenslauf aus: Das Sterberisiko bis zum 50. Lebensjahr von Kindern aus armen Familien nahm um 20 Prozent ab, ergab die Untersuchung von Ravesteijn. Auch hier war der Effekt für Kinder reicherer Eltern negativ: Ihr ursprünglich niedrigeres Sterberisiko stieg um 25 Prozent, so dass der Unterschied beim Sterberisiko zwischen Arm und Reich sich fast in Nichts auflöste. Im alten System hatten Kinder aus Familien mit niedrigerem Einkommen noch ein 50 Prozent höheres Sterberisiko. Schüler werden in weiterführenden Schulen in eine bestimmte Richtung geführt und formen danach auch ihr soziales Netzwerk, das während ihres gesamten Lebens ihr Verhalten beeinflusst. Berufswahl und Lebensweise können auch Einfluss haben auf das Sterberisiko.

Jobwechsel nach dem 50. Lebensjahr fast aussichtslos
So zeigt sich erneut, wie in vielen früheren Untersuchungen, dass Aus- und Fortbildung ein wirksames Mittel ist, um länger zu leben. Doch wie ist das machbar? Weiterbildung und Umschulung braucht Zeit und Geld. Zudem ist die Frage, wer heute noch nach seinem 50. Geburtstag den Beruf wechseln kann. Es ist für Generation 50+ bereits jetzt schon so gut wie aussichtslos neue Jobs zu finden. Da helfen auch keine Universitätsanschlüsse, Diplome oder mehrere abgeschlossene Berufsausbildungen. Und Flexibilität innerhalb eines Unternehmens ist in den meisten Branchen auch nur bedingt möglich. Vom Fließband zum Bürojob: Schöne Idee, aber da es immer mehr ältere Arbeitnehmer geben wird, wohl kaum umzusetzen.

Quelle: Erasmus-Universität Rotterdam

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