Freitag, 16. September 2016



Beziehungen zwischen Familienmitgliedern senken das Sterberisiko. Das trifft für Freundschaften nicht zu.




In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Singlehaushalte kontinuierlich gestiegen. Für Alleinlebende sind Freunde oftmals wichtiger als Familienmitglieder: »Freunde sind die Familie, die man sich selbst aussucht« bestätigen viele Singles und oft müssen Freundschaften inzwischen Familienbeziehungen ersetzen. Denn dass man seinen Heimatort inklusive Verwandten verlassen muss oder will, hat die verschiedensten Gründe: Beruf, Partnerschaften, Trennungen oder einfach Abenteuerlust. Aber der Mensch ist ein soziales Wesen und versucht in der Regel, sich Begleiter zu suchen, die ähnliche Interessen verfolgen oder emotionale Bedürfnisse stillen. Doch Freundschaft ist bei Weitem nicht dasselbe wie Verwandtschaft, haben jetzt wissenschaftliche Analysen ergeben.



»Blut ist dicker als Wasser«

Das Sprichwort: »Blut ist dicker als Wasser« scheint angesichts der aktuellen Studie immer noch eine Berechtigung zu haben. Und diese Verbundenheit bleibt ein Leben lang. Trotz aller Streitereien, Familienzwistigkeiten und familiärer Uneinigkeit. Selbst wenn jeglicher Kontakt abgebrochen wird, bleibt man doch Teil der eigenen Familie. Das ist auch gut so und senkt sogar das Sterberisiko, wie Soziologen nun bestätigen. Für Freundschaften ließ sich dieser Gesundheitsvorteil allerdings nicht bestätigen. Bei älteren Erwachsenen, die mehr Familienmitglieder in ihrem sozialen Netzwerk haben oder eine besonders enge Bindung zu Verwandten pflegen, sinkt das Sterberisiko. Das trifft nicht auf viele oder enge Freundschaften zu. Diese Ergebnisse wurden im Fachartikel »Social Relationships and Mortality in Older Adulthood« am 21-08-2016 beim 111. Jahreskongress der »American Sociological Association« präsentiert.



Enge Familienbande wirken lebensverlängernd

»Wir stellten fest, dass ältere Erwachsene im Alter zwischen 57 und 85 Jahren, die mehr Familienmitglieder in ihrem Netzwerk hatten oder eine besonders enge Bindung zur Familie, wahrscheinlich länger leben«, erklärt James Iveniuk, Haupt-Autor der Studie und Postdoktorand an der Universität von Toronto. »Diese Zusammenhänge konnten wir bei Freundschaften nicht beobachten.«

Die Senioren hatten - abgesehen von Ehepartnern - durchschnittlich 2,91 Vertrauenspersonen genannt. Dabei gaben die ältesten Teilnehmer an, sehr viel Unterstützung von ihren sozialen Kontakten zu erhalten. Die meisten der Befragten waren verheiratet, bei guter körperlicher Gesundheit und fühlten sich nicht sehr einsam.



Sterberisiko bei weniger engen Familienbanden mehr als doppelt so hoch

James Iveniuk und Co-Autor L.Philip Schumm, ein Biostatistiker von der Universität Chicago, stellten fest, dass ältere Erwachsene, die sehr enge Beziehungen zu den genannten familiären Vertrauenspersonen pflegten, ein Sterberisiko von sechs Prozent innerhalb der nächsten fünf Jahre hatten. Bei den weniger engen Familienbeziehungen stieg das Sterberisiko in den nächsten fünf Jahren auf 14 Prozent.

Insgesamt war das Sterberisiko für Senioren geringer, wenn sie viele direkte statt angeheiratete Verwandte in ihrem sozialen Netzwerk hatten. Allerdings sind die Wissenschaftler davon überzeugt, dass generell soziale Kontakte und Beziehungen zu anderen Menschen die Lebenserwartung erhöhen. Die Soziologen waren allerdings überrascht, dass sich enge Familienbeziehungen und Vertrauensverhältnisse mit direkten Verwandten derart auf das Sterberisiko auswirken und ähnliche Bindungen zu Freunden nicht dieselben Auswirkungen haben.



Selbst gewählte Freunde haben nicht denselben Effekt

»Weil man Freunde ja selbst wählt, würde man erwarten, dass freundschaftliche Beziehungen wichtiger für die Sterblichkeit sind, denn Freundschaften schließt man nach persönlichen Vorlieben und sozialen Bedürfnissen«, sagt Iveniuk. »Aber diese Annahme wird nicht durch unsere Daten gestützt; es sind gerade die Menschen, die wir ebenso wenig selbst auswählen können wie sie uns, die den größten Vorteil für Langlebigkeit bringen.«



Vier soziale Hauptfaktoren beeinflussen die Lebenserwartung

Neben dem Vergleich von Freundschaften und Familienbeziehungen, untersuchte die Studie auch die charakteristischen Merkmale eines sozialen Netzwerks im Allgemeinen sowie den Einfluss auf die Sterblichkeit. Die vier Faktoren, die am stärksten die Sterblichkeit senken, sind Ehe, ein großes soziales Netzwerk, große Teilnahme an sozialen Organisationen und eine enge Verbundenheit zu den Vertrauenspersonen. Alle Faktoren sind ungefähr gleich wichtig für die Lebenserwartung. Als weniger wichtig zeigten sich die gemeinsam verbrachte Zeit mit den Vertrauenspersonen, der Zugang zu sozialer Unterstützung und das Gefühl von Einsamkeit.



Heiraten erhöht die Lebenserwartung

»Ich hatte erwartet, dass der Zusammenhang zwischen Teilnahme an sozialen Organisationen und Sterblichkeit erheblich abnehmen würde, wenn wir andere Aspekte des sozialen Umfelds mitbetrachten, doch das passierte nicht«, erklärt Iveniuk.

Interessanterweise hatte die Ehe positive Effekte auf die Langlebigkeit, unabhängig von der Qualität der Verbindung. »Wir konnte nicht beobachten, dass sich unterstützende Maßnahmen des Ehepartners auf die Sterblichkeit auswirken. Das deutet an, dass zwar die Ehe allgemein wichtig ist für eine Langlebigkeit, aber weniger einzelne Aspekte der ehelichen Verbindung«, sagt Iveniuk.



Familiäre Bindungen grundsätzlich wichtig für die Lebenserwartung

Allgemein unterstreichen Iveniuks Studienergebnisse die grundlegende Wichtigkeit familiärer Bindungen für die Lebenserwartung. »Seit den Anfängen der allerersten soziologischen Theorien haben viele verschiedene Denker bemerkt, dass es irgendeine spezielle Wichtigkeit gibt, die Menschen ihren Familienbeziehungen zuordnen. Das sorgt gleichzeitig dafür, dass man mit Menschen im Kontakt bleibt und sie unterstützt, um die man sich nicht unbedingt kümmern würde, wenn man die freie Wahl hätte«, meint Iveniuk.



Zeit für die Beziehungspflege

Und auch wenn jeder von uns Familienkrisen kennt, erlebt wie Freundschaften zerbrechen oder Beziehungen jeglicher Art scheitern: Familienbande sind schön und schrecklich zugleich, doch sie geben uns Sicherheit in unsicheren Zeiten, gerade weil man Familienbeziehungen nicht einfach »kündigen« kann. Was Familienbeziehungen und auch verlässliche Freundschaften auf jeden Fall benötigen, sind Zeit. Zeit, sich zu entwickeln und auch Zeit, um gepflegt zu werden. Zeit, die wir manchmal nicht aufbringen können oder wollen. Denn das ist anstrengender als Freundschaft und Beziehung 2.0. Da reicht ein Mausklick zur neuen Freundschaft - und ist genauso schnell wieder beendet, noch bevor man sich wirklich kennengelernt hat. Virtuelle Freundschaften erfordern nicht unbedingt »Beziehungsarbeit«. Sie sind dafür auch äußerst unverbindlich und schnelllebig. Wer aber ab und zu eine echte Schulter zum Ausweinen braucht oder jemanden, mit dem man die glücklichsten Momente im Leben teilen kann, sollte Familien- und Freundschaftsbande ein wenig pflegen.

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