Samstag, 20. Februar 2016


Magensäurehemmer stören die Darmflora
(Foto: By Siufaiho (talk).Siufaiho at en.wikipedia [Public domain], from Wikimedia Commons)

Magensäurehemmer, sogenannte Protonenpumpenhemmer, verändern drastisch die Darmflora und fördern so Magen-Darm-Infekte.


Magengeschwür, Zwölffingerdarmgeschwür, Zwerchfellbruch, starkes Sodbrennen durch zurückfließende Magensäure: Das sind nur einige der Gründe, warum Patienten sogenannte Protonenpumpeninhibitoren (PPI) verordnet werden, die die Magensäureproduktion stark einschränken. Auch bestimmte Medikamente wie Acetylsalicylsäure zur Blutverdünnung können eine Therapie mit solchen Säurehemmern erforderlich machen. Doch die Magensäurehemmer sollten nur so kurz wie möglich eingenommen werden, wie Forschungen in den letzten Jahren ergaben. Denn neben den inzwischen bekannten Risiken wie Magnesium-, Vitamin B12- und Eisenmangel, stellten niederländische Wissenschaftler nun fest, dass die Säureblocker die Darmflora drastisch verändern. Das macht den Verdauungstrakt empfindlich für schwere Infektionen mit krankmachenden Keimen.

Anstoß gaben Morbus Crohn-Patienten
In diese Richtung zu forschen, kommt nicht von ungefähr: »Während meiner Studie, welche Faktoren die Darmflora von Morbus Crohn-Patienten beeinflussen, bekam ich die Vermutung, dass der am meisten verwendete Typ Magensäurehemmer, die Protonenpumpeninhibitoren, einen großen Effekt haben. Deshalb beschlossen wir, das nicht nur in der Gruppe von Morbus Crohn-Patienten zu untersuchen, sondern auch in zwei anderen Gruppen: gesunde Teilnehmer und Patienten mit Reizdarmsyndrom. Insgesamt hatten wir 1.815 Studienteilnehmer«, erklären die Studienautoren Rinse Weersma und Floris Imhann von den Universitätszentren Groningen und Maastricht. Der Kot der Studienteilnehmer wurde eingefroren und aufbewahrt und anschließend mit DNA-Technik im Labor untersucht. »Dank einer einzigartigen Zusammenarbeit von Gastroenterologen mit Bioinformatikern und Statistikern der Abteilung Genetik am Universitätszentrum Groningen können wir die Bakterien im Stuhlgang gut analysieren und verstehen«, erklärt Imhann.

Gute Bakterien werden verdrängt
Die Ergebnisse der Studie waren eindeutig: Ungefähr 20 Prozent der Darmflora ist bei Anwendern von Protonenpumpenhemmern anders. »Manche Bakterienstämme waren deutlich mehr vorhanden, während andere Bakteriengruppen in ihrer Anzahl verringert waren«. Imhann untersuchte bei einem Teil der Probanden auch die Zusammenstellung des Speichels. »Magensäureblocker machen die Magensäure etwas weniger sauer. Normalerweise sterben viele Bakterien durch die Magensäure, doch nun trafen wir Bakterien aus dem Mund im Darm an.« Die veränderte Zusammenstellung der Darmflora kann erklären, wie die Anwendung von Magensäureblockern das Risiko für Darminfektionen erhöht. »Wenn manche »guten« Darmbakterien verschwinden, machen sie Platz für krankmachende Keime wie Salmonellen. Das gilt besonders für das Bakterium Clostridium difficile, eine besonders für geschwächte Patienten gefährliche Bakterienart, die schwere Durchfälle und Entzündungen des Dickdarms verursachen kann.«

Magensäureblocker werden oft zu lange eingenommen
Die Studienergebnisse sind erstaunlich und aufschlussreich. »Es ist bereits länger bekannt, dass zum Beispiel der Gebrauch von Antibiotika die Darmflora beeinflusst. Unsere Studie zeigt, dass die Anwendung von Protonenpumpenhemmern auch einen großen Einfluss auf die Zusammenstellung der Darmflora hat.« Dennoch gibt es keinen Grund zur Panik, betont Professor Dr. Weersma, Gastroenterologe und einer der Studienleiter. »Magensäureblocker sind manchmal absolut notwendig.« Die Ergebnisse zeigen allerdings, dass sorgfältig mit den Säureblockern umgegangen werden muss. »Aus früheren Studien ging hervor, dass etwa die Hälfte der Anwender, die dieses Mittel einnehmen, es eigentlich nicht mehr braucht.«

Umdenken ist notwendig
Weersma und Imhann empfehlen deshalb Ärzten auch, sich der Nebenwirkungen bewusst zu sein und immer kritisch zu überlegen, ob die Einnahme von Magensäureblockern wirklich nötig ist. In Amerika wurde beispielsweise festgestellt, dass die Hälfte der Anwender von Magensäurehemmern, diese gar nicht mehr braucht. Wenn ein Arzt sie einmal verordnet hat, schlucken Patienten sie immer weiter. Vor allem bei geschwächten Patienten müssen Mediziner vor einer Verschreibung die Erkenntnisse berücksichtigen, dass Magensäureblocker für Darmprobleme sorgen können. Das Medikament darf nicht schlimmer sein als die Krankheit selbst.
Doch auch hierzulande muss die Gesundheitspolitik durch die neuen Forschungen zum Nachdenken gebracht werden. In den Niederlanden sind seit 2014 Magensäurehemmer einfach im Supermarkt erhältlich und für jeden ohne Rezept zu bekommen. Wenn man dann den großen Einfluss auf die Darmflora sieht, muss man sich fragen, ob das wohl vernünftig ist.

Was der Darmflora gut tut
Ist das bakterielle Gleichgewicht im Darm gestört, beeinträchtigt das vor allem die Verdauung und die Immunabwehr. Denn drei Viertel aller Zellen, die Abwehrstoffe bilden und uns vor Krankheiten schützen, sind im Darm angesiedelt. Wenn Sie ihre Darmflora unterstützen wollen, können Sie probiotische Kulturen einnehmen. Diese lebenden Milchsäurebakterien - vor allem Bifido- und Laktobazillen - sind in Kapselform widerstandsfähig gegen die Magen- und Gallensäure und können die Vermehrung krankmachender Keime bremsen. Wenn Sie zusätzlich ihre »Mitbewohner« im Darm mit Präbiotika wie den pflanzlichen Ballaststoffen Inulin, Oligofruktose und Topinambur füttern, können Sie Ihre Darmflora wieder ins Gleichgewicht bringen. Dazu sollten Sie viel Obst und Gemüse essen, aber wenig tierisches Eiweiß. Viel Zucker und Weißmehlprodukte können die Ausbreitung von Pilzen im Darm fördern und sollten deshalb auch eher die Ausnahme als die Regel darstellen. Ein gesunder Tee, der auch den Darmbakterien schmeckt und sie unterstützt, kann aus gleichen Teilen von Koriander, Kümmel, Fenchel und Anis zusammengemischt werden. Diese Teemischung ist angenehm im Geschmack und beugt Blähungen vor.

Quelle: Floris Imhann, Marc Jan Bonder, Arnau Vich Vila, Jingyuan Fu, Zlatan Mujagic, Lisa Vork, Ettje F Tigchelaar, Soesma A Jankipersadsing, Maria Carmen Cenit, Hermie J M Harmsen, Gerard Dijkstra, Lude Franke, Ramnik J Xavier, Daisy Jonkers, Cisca Wijmenga, Rinse K Weersma, Alexandra Zhernakova: Gut microbiota: Original article: Proton pump inhibitors affect the gut microbiome. Gut gutjnl-2015-310376, doi:10.1136/gutjnl-2015-310376

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