Mittwoch, 15. April 2015


Männer werden im Alter früher vergesslich
(Foto: SplitShire - pixabay.com)
Fast jeder Mensch bekommt mit zunehmendem Alter Gedächtnisprobleme. Doch Männer sind dafür anfälliger als Frauen.


Sie können sich den Namen des neuen Kollegen einfach nicht merken? Sie suchen wieder mal den Autoschlüssel? Und was wollten Sie noch mal einkaufen? Jeder von uns kennt solche Situationen. Erst recht, wenn wir schon einige Jährchen an Lebenszeit auf dem Buckel haben. Unser Gedächtnis lässt uns dann immer häufiger im Stich. Aber seien Sie nicht allzu besorgt: Laut einer neuen Studie leiden wir mit zunehmendem Alter alle unter Gedächtnislücken. Allerdings sind Männer dafür anfälliger als Frauen.

Das Gehirn schrumpft mit dem Alter
Die Studie berichtet, dass Gedächtnis und Gehirnvolumen typischerweise mit dem Alter abnehmen. Überraschend war, dass das wenig mit der Bildung von Ablagerungen im Gehirn zu tun hat. Solche Plaques kennzeichnen den Beginn einer Alzheimer Erkrankung. Die Wissenschaftler sind sich sicher, dass ihre Ergebnisse die bestehenden Ansichten über das alternde Gehirn infrage stellen können.
Experten haben darüber spekuliert, dass auftretende Gedächtnislücken bei älteren Erwachsenen ein frühes Zeichen für Alzheimer sein könnten und wahrscheinlich in Verbindung stehen mit der abnormalen Anhäufung eines Proteins namens Beta-Amyloid im Gehirn. »Aber unsere Ergebnisse deuten an, dass das Gedächtnis tatsächlich bei fast jedem abnimmt und das, lange bevor irgendwelche Beta-Amyloide sich im Gehirn ansammeln«, sagt Studienleiter Dr. Clifford Jack von der Mayo-Klinik in Rochester, Minnesota.

Plaques treten erst im höheren Alter auf
Beta-Amyloid-Ansammlungen - allgemein Plaques genannt - sind immer noch ein typisches Kennzeichen für Alzheimer, sagt Dr. Jack. Aber die neuen Ergebnisse deuten an, dass die Plaques nicht die Erkrankung anstoßen, sondern erst später auftreten. »Es scheint ein grundlegender Effekt des Alterns selbst auf das Gedächtnis zu sein, ganz unabhängig von Eiweißablagerungen«, erklärt Jack. »Wir glauben, dass die krankmachenden Beta-Amyloide meist erst spät im Leben auftreten und dann eine bereits vorhandene Verschlechterung des Gedächtnisses beschleunigen.«

Gedächtnisprobleme nicht unbedingt ein Hinweis auf Alzheimer
Laut Dr. Jack beinhaltet das auch einige gute Nachrichten. »Die Gedächtnisprobleme, die Menschen erleben, wenn sie älter werden, sind im Normalfall kein Hinweis auf eine drohende Alzheimer-Erkrankung«, erklärt Jack. »Es bedeutet in keiner Hinsicht, dass Sie unweigerlich dement werden.«
Andere Wissenschaftler bezeichnen die Studienergebnisse als »sehr interessant«. »Was das sehr deutlich beweist, ist, dass Gedächtnis und Gehirnvolumen Jahre vor der Entstehung von Beta-Amyloid-Ablagerungen abnehmen«, sagt Dr. Charles DeCarli, Professor für Neurologie an der Universität von Kalifornien in Davis. Unterm Strich ist der altersbedingte geistige Abbau »nicht so einfach, wie wir es gerne hätten«, sagt DeCarli, der einen Leitartikel zur Studie veröffentlichte.

Bildgebende Verfahren können Plaques erst seit kurzem sichtbar machen
Die Studienergebnisse basieren auf Daten von 1.246 Erwachsenen zwischen 30 und 95 Jahren, die keinerlei Symptome von Demenz zeigten. Sie machten alle die üblichen Gedächtnistests sowie zwei unterschiedliche Gehirn-Scans. Per Magnetresonanztomograph (MRT) wurde die Größe des Hippocampus, der eine wichtige Rolle für die Gedächtnisfunktion spielt, gemessen. Mit Hilfe einer Positronen-Emissions-Tomographie (PET) wurde nach vorhandenen Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn gesucht. Laut Dr. Jack sind die technischen Möglichkeiten, um Plaques sichtbar zu machen, erst seit wenigen Jahren vorhanden.

APOE4-Gen macht kein schlechteres Gedächtnis
Was sein Team fand, war überraschend. Insgesamt nahm sowohl das Gedächtnis als auch die Größe des Gehirns zwischen dem 30. und 65. Lebensjahr schrittweise ab. Aber nur wenige Menschen zeigten in dieser Spanne bereits Plaque-Ablagerungen. Erst ab einem Alter von ungefähr 70 Jahren nahm die Zahl der Menschen mit sichtbaren Plaque-Ablagerungen deutlich zu.
Dies galt besonders für Menschen, die die Genvariante APOE4 tragen. Diese Genvariante ist mit einem überdurchschnittlich erhöhten Risiko für Alzheimer verbunden. Menschen mit dem APOE4-Gen zeigen bereits in jungen Jahren Amyloid-Ablagerungen und einen steilen Anstieg von Plaques jenseits des 70. Lebensjahres. Dennoch zeigten die APOE4-Träger laut der Studie keinen stärkeren Abbau bei Gedächtnisfunktion und Gehirnvolumen. Für die Wissenschaftler war dieser Umstand etwas überraschend. Sie betonen aber, dass alle Studienteilnehmer nicht an Demenz litten. APOE4-Träger haben zwar ein höheres Alzheimer-Risiko, aber davon abgesehen kein schlechteres Gedächtnis als Menschen ohne diese Genvariante.

Männer haben ein schlechteres Gedächtnis
Stattdessen hatten Männer durchweg ein schlechteres Gedächtnis als Frauen und einen proportional kleineren Hippocampus. Dies betraf alle Altersgruppen. Andere Studien haben gezeigt, dass Frauen bei Gedächtnistests generell besser abschneiden, aber es ist dennoch ein auffallendes Ergebnis, findet Dr. Jack. »Grundsätzlich bedeutet das, dass ein Mann zu sein, einen weitaus größeren Effekt auf das Gedächtnis hat als die Genvariante APOE4 zu tragen.« Jack vermutet, dass die höhere Rate an Herz-Kreislauf-Risikofaktoren bei Männern, die zunehmend mit einem schlechteren Gedächtnis in Verbindung gebracht werden, vielleicht ein Grund ist, warum Männer sich schlechter erinnern als Frauen. Aber auch das weibliche Geschlechtshormon Östrogen könnte eine schützende Wirkung auf das Gedächtnis von Frauen haben, denn es schützt Frauen auch vor Herz- und Gefäßkrankheiten.
Doch bevor Männer nun in Panik geraten, betont DeCarli, dass eine ausgewachsene Demenz bei Männern nicht häufiger vorkommt als bei Frauen, vielleicht weil Frauen im Allgemeinen eine höhere Lebenserwartung haben.

Abnahme des Gehirnvolumens nun im Fokus
Doch was verursacht letztlich den schleichenden Abbau der Gedächtnisfunktion, wenn es nicht die Amyloid-Ablagerungen sind? Dr. Jack weist auf mögliche Schuldige hin: Herzerkrankungen, Schlaganfall und die Risikofaktoren für diese Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes. All diese Faktoren können den Blutfluss zum Gehirn behindern und vielleicht eine Schrumpfung des Hirngewebes verursachen. DeCarli stimmt zu, aber meint, dass weitere Faktoren einbezogen werden müssen. Mary Sano, Alzheimer-Forscherin am Mount Sinai-Krankenhaus in New York, hält die Entdeckungen für spannend. Viele Forschungen, die sich auf vorbeugende Maßnahmen gegen Alzheimer richteten, konzentrierten sich auf die Plaque-Ansammlungen, merkt Sano an. Aber diese Studie, sagt sie, beschreitet andere Wege, einschließlich Maßnahmen, die sich auf das Gehirnvolumen fokussieren.

Viel Bewegung hält auch das Gehirn gesund
Aber wie verändert man das Gehirnvolumen? Bewegung ist eine Möglichkeit. »Forschungen haben gezeigt, dass körperliche Aktivität das Schrumpfen des Gehirns im Alter verlangsamt«, erklärt Sano. Und trotzdem zeigen auch die aktuellen Ergebnisse, wie viel Wissenschaftler noch über das alternde Gehirn und den Alterungsprozess an sich lernen müssen. »Warum wird unsere Haut trocken, wenn wir älter werden?«, fragt sich DeCarli. »Und warum werden unsere Haare grau? Eigentlich wissen wir noch sehr wenig über die Veränderungen durch das Altern.«

Quelle: Clifford R. Jack, Heather J. Wiste, Stephen D. Weigand, David S. Knopman, Prashanthi Vemuri, Michelle M. Mielke, Val Lowe, Matthew L. Senjem, Jeffrey L. Gunter, Mary M. Machulda, Brian E. Gregg, V. Shane Pankratz, Walter A. Rocca, Ronald C. Petersen. Age, Sex, andAPOEε4 Effects on Memory, Brain Structure, and β-Amyloid Across the Adult Life Span. JAMA Neurology, 2015; DOI: 10.1001/jamaneurol.2014.4821

Charles DeCarli. A Call for New Thoughts About What Might Influence Human Brain Aging. JAMA Neurology, 2015; DOI: 10.1001/jamaneurol.2015.33

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