Samstag, 7. Oktober 2017


Einsamkeit und soziale Isolation stellen eine größere Gesundheitsgefahr dar als Übergewicht, meinen Forscher. Und die Auswirkungen werden noch zunehmen.

Übergewicht wird international als eines der gesundheitlichen Hauptprobleme angesehen. Weltweit sind mehr als zwei Milliarden Menschen übergewichtig oder sogar fettleibig. In Deutschland haben zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen zu viele Kilos auf den Rippen. Ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung ist sogar bereits fettleibig. Doch neue Forschungen decken eine noch größere Gesundheitsgefahr auf: Einsamkeit und soziale Isolation.
Soziale Verbundenheit ist ein Grundbedürfnis
Mit anderen sozial verbunden zu sein wird im Allgemeinen als Grundbedürfnis eines Menschen angesehen – entscheidend für sowohl das Wohlbefinden als auch für das Überleben,“ erklärt die Psychologin und Co-Autorin der Studie Prof. Julianne Holt-Lunstad von der Brigham Young University in Provo im US-Bundesstaat Utah. Doch die Zahl der Erwachsenen, die alleine leben, steigt. Der Trend, sozial weniger vernetzt zu sein und mehr Einsamkeit zu erfahren, nimmt ständig zu.
Zwei Meta-Analysen offenbaren, dass Einsamkeit und soziale Isolation das Risiko für einen vorzeitigen Tod um bis zu 50 Prozent erhöht. Prof. Julianne Holt-Lunstad präsentierte zusammen mit ihren Kollegen die Ergebnisse beim 125. Jahreskongress der American Psychological Association (APA) in Washington.
Einsamkeit und soziale Isolation sind nicht dasselbe
Obwohl die Begriffe Einsamkeit und soziale Isolation austauschbar verwendet werden, bestehen zwischen Beiden bemerkenswerte Unterschiede. Soziale Isolation wird als Mangel an Kontakten zu anderen Personen definiert, während Einsamkeit das Gefühl verkörpert, emotional nicht mit anderen verbunden zu sein. Im Wesentlichen bedeutet das, eine Person kann sich auch in der Gegenwart von anderen Menschen einsam fühlen. Laut einer Umfrage aus 2016 unter mehr als 2.000 amerikanischen Erwachsenen haben sich 72 Prozent irgendwann in ihrem Leben schon mal einsam gefühlt. 31 Prozent der Befragten verspürten sogar mindestens einmal wöchentlich Einsamkeit. Sowohl Einsamkeit als auch soziale Isolation werden mit einem schlechten Gesundheitszustand in Verbindung gebracht. Eine Studie aus dem vergangenen Jahr beschrieb eine mögliche Verbindung zur Alzheimer-Krankheit, eine weitere Studie fand einen Zusammenhang von sozialer Isolation und einer geringeren Überlebensrate bei Brustkrebs-Patientinnen. Für die aktuelle Studie versuchten Prof. Holt-Lunstad und ihr Team zu bestimmen, wie Einsamkeit und soziale Isolation das Risiko für einen frühen Tod beeinflusst.
Verlässliche Beweise, dass Einsamkeit tötet
Die Forschungsergebnisse basieren auf zwei Meta-Analysen von Studien, die einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit, sozialer Isolation und Sterblichkeit untersucht haben. Die erste Meta-Analyse umfasste mehr als 300.000 Erwachsene in 148 Studien, die zweite Meta-Analyse bestand aus 70 Studien mit mehr als 3,4 Millionen Erwachsenen. Die Daten der ersten Meta-Analyse offenbarten, dass das Risiko für einen vorzeitigen Tod bei Erwachsenen um 50 Prozent geringer ausfällt, wenn sie mehr Verbindungen zu anderen Personen haben. Anhand der zweiten Meta-Analyse stellten die Wissenschaftler fest, dass Einsamkeit, soziale Isolation und Alleinleben alle mit einem erhöhten Risiko für einen frühen Tod verbunden waren. Das Risiko war sogar ähnlich groß oder sogar größer als ein vorzeitiger Tod durch Übergewicht oder andere bekannte Risikofaktoren.
Einsamkeits-Epidemie“ droht
Prof. Holt-Lunstad findet diese Ergebnisse besonders besorgniserregend, angesichts der Tatsache, dass die alternde Bevölkerung zunimmt. „Tatsächlich machen inzwischen viele Nationen weltweit darauf aufmerksam, dass wir einer „Einsamkeits-Epidemie“ ins Gesicht sehen müssen“, fügt sie hinzu. „Die Herausforderung ist nun, was wir dagegen tun können.“ Prof. Holt-Lunstad glaubt, dass mehr Ressourcen in die Bekämpfung der Einsamkeit bei Einzelpersonen und innerhalb der Gesellschaft fließen müssen. Zum Beispiel schlägt sie vor, dass mehr auf das Einüben sozialer Fähigkeiten bei Schulkindern geachtet wird und Ärzte bei ihren Patienten standardmäßig auch das Vorhandensein sozialer Kontakte im Auge behalten. Weiter sagt Prof. Holt-Lunstad, dass ältere Erwachsene sich nicht nur auf die finanziellen Änderungen im Ruhestand vorbereiten sollten, sondern ebenso auf die Änderungen im sozialen Umfeld, denn oft hängen viele der sozialen Kontakte mit dem Arbeitsplatz zusammen. Stadtplaner sollten bei ihren Entwürfen an Orte und Räumlichkeiten denken, die gemeinsam genutzt werden und zu Treffen und Kommunikation einladen, wie Freizeitzentren oder Stadtparks.
Wie Einsamkeit das Gehirn beeinflusst
Einsamkeit aktiviert die Regionen im Gehirn, die Bedrohungen überwachen, berichtet eine neue Studie. Das macht Menschen, die sozial isoliert sind, härter und abweisender: als eine Form der Selbsterhaltung. Es kann einsame Menschen an den Rand der Gesellschaft drängen. Professor John Cacioppo, ein Experte auf dem Gebiet der Einsamkeit, berichtet darüber im Rahmen einer früheren Studie und sagt: „Wir entdeckten ein außergewöhnliches Muster der Ausbreitung, das Menschen an den Rand des sozialen Netzwerks führt, wenn sie einsam werden. Dort haben Menschen weniger Freunde und die Einsamkeit führt dazu, dass sie die wenigen Verbindungen auch noch verlieren. Diese sich gegenseitig verstärkenden Effekte bedeuten, dass unsere soziale Struktur an den Rändern ausfranst, wie Garn, das sich am Ende eines Häkelpullovers loslöst.“
Einsamkeit macht sensibler für soziale Bedrohungen
Die neue Studie von Prof. Cacioppo und seinem Team verglich die Gehirne von einsamen und nicht einsamen Menschen mit Hilfe eines Elektrokardiogramms. Den Teilnehmern wurden eine Reihe von Wörtern gezeigt, die sich darin unterschieden, wie sozial und positiv sie waren. Die Gehirne der einsamen Personen entdeckten dabei schneller Worte, die mit sozialer Bedrohung - beispielsweise „feindselig“ – verbunden waren, als Personen, die nicht unter Einsamkeit litten. Allerdings suchten die Einsamen auch insgesamt mehr nach Worten mit negativen Assoziationen. Das könnte aber ein uralter Verteidigungsmechanismus zum Überleben sein, argumentieren die Studienautoren: „Fische am Rande einer Gruppe werden eher von Feinden angegriffen; nicht, weil sie die langsamsten oder schwächsten sind, sondern weil sie sich leichter isolieren und jagen lassen. Daraus hat sich das Verhalten entwickelt, dass Fische ins Zentrum des Schwarms schwimmen, wenn Raubtiere angreifen.“
Dahinter verbirgt sich eine Evolutionstheorie, sagen die Forscher: „Am Rande einer sozialen Gruppe zu stehen, ist nicht nur traurig, sondern geradezu gefährlich. Unser Evolutionsmodel über die Auswirkungen wahrgenommener sozialer Isolation (Einsamkeit) auf das Gehirn sowie eine wachsende Anzahl von Verhaltensforschungen deuten an, dass Einsamkeit kurzfristig die Selbsterhaltung fördert, einschließlich einer erhöhten indirekten Wachsamkeit gegenüber sozialen Bedrohungen.“

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