Montag, 13. Juli 2020


Immer mehr Menschen leiden an einem Reizdarmsyndrom. Was beinhaltet das genau? Wie entsteht die Krankheit? Und werden Ballaststoffe, Gluten und Laktose zurecht als Übeltäter beschuldigt?

 

In Deutschland leidet Schätzungen zufolge jeder siebte Bundesbürger an einem Reizdarmsyndrom, eine Krankheit mit einer beschleunigten oder verzögerten Darmpassage und einem Darm, der überempfindlich auf Ausdehnung oder Überdehnung reagiert.

 

Laut der aktuellsten Definition muss man mindestens drei Monate lang Beschwerden haben. Besonders typisch sind Bauchschmerzen, die sich nach dem Stuhlgang bessern. Typisch ist auch, dass das Stuhlgangverhalten in Form oder Häufigkeit gestört ist. Einige Patienten leiden hauptsächlich an Durchfall, andere an Verstopfung und wieder andere wechselnd an Durchfall und Verstopfung. Viele leiden an Durchfall, Blähungen und Völlegefühl, das mit einer sichtbaren Schwellung des Bauches einhergeht. Typisch ist auch der plötzliche Drang, direkt nach dem Essen oder beim Sport, wobei man höchstens einige Minuten Zeit hat, rechtzeitig eine Toilette zu finden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Reizdarmsyndrom einem den nötigen Stress besorgt. Und leider kann Stress die Empfindlichkeit des Darms und damit die Darmbeschwerden noch verschlimmern.

Komplexes Zusammenspiel

Das Reizdarmsyndrom tritt in der Regel im Alter von etwa 20 Jahren auf und betrifft etwas mehr Frauen als Männer. Es gibt keine erkennbare Ursache für die Symptome, anders als zum Beispiel bei Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, deren Symptome mit einer Darmentzündung einhergehen. Eine genetische Veranlagung kann bei der Entstehung des Reizdarms eine Rolle spielen. Studien zeigen auch, dass 20 bis 25 Prozent der Reizdarmpatienten nach einer akuten Magen-Darm-Entzündung, Lebensmittelvergiftung oder Infektion zum Beispiel mit Salmonellen erkranken. Viele von Reizdarm Betroffene scheinen auch eine leicht entzündete Darmwand zu haben. Und vielleicht ist ihre Darmwand durchlässiger für Bakterien, die sich zwischen den Darmwandzellen nesteln. Das führt zu allerlei Reaktionen, bei denen unter anderem Histamin freigesetzt wird, das auch bei Allergien eine Schlüsselrolle spielt. Auf der Grundlage dieser Hypothese wird untersucht, ob ein Antihistaminikum bei Reizdarmpatienten nützt und eine Diät für eine geringere Histaminausschüttung im Darm sorgt.

Überdehnung durch Gase bereitet Schmerzen

Wer bereit ist, seine Ernährung ein wenig anzupassen, sollte sich vorerst lieber auf etwas anderes konzentrieren. Denn was man mit Sicherheit weiß, ist Folgendes: Schmerzen im Darm sind fast immer auf eine Überdehnung des Darms zurückzuführen. Bei Überdehnung denken Menschen oft spontan an einen Tumor. Und im Falle von Symptomen, die darauf hindeuten könnten, untersucht man das natürlich. Aber unser Darm wird viel öfter einfach durch Gase überdehnt. Die entstehen hauptsächlich als Nebenprodukt bei der Fermentation oder Vergärung von Nährstoffen, und vor allem von Ballaststoffen.

Ballaststoffe im Fokus

Ballaststoffe werden in lösliche und unlösliche Ballaststoffe eingeteilt. Getreideprodukte, Obst und Gemüse können beide Arten enthalten. Unlösliche Ballaststoffe, die man vor allem in vollem Korn und Vollkornprodukten findet, lösen sich nicht in der Flüssigkeit des Magen-Darm-Traktes auf, sondern speichern sie gut. Das dehnt den Darm und bringt die Verdauung also ordentlich in Bewegung, vorausgesetzt, man trinkt genug.

 

Lösliche Ballaststoffe hingegen werden von den Bakterien, die im Dickdarm gedeihen, fermentiert oder vergoren. Dabei werden allerlei nützliche Substanzen freigesetzt. Aber eben leider auch Gase, die Druck auf den Darm ausüben. Für Menschen mit Reizdarm gibt es also eine unangenehme Kehrseite von Ballaststoffen, die natürlich auch viele gute Eigenschaften besitzen. Dass Ballaststoffe dabei helfen, den Körper vor allen möglichen Erkrankungen zu schützen, darunter Darmkrebs, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist inzwischen eine weit verbreitete Botschaft. Viele Menschen essen deswegen mehr Ballaststoffe. Aber das ist vielleicht auch einer der Gründe, warum bei einer zunehmenden Anzahl von Menschen ein Reizdarmsyndrom festgestellt wird.

 

Fragen Sie als Reizdarmpatient Ihren Arzt oder Ernährungsberater, wie Sie sich nicht allzu ballaststoffreich, aber dennoch gesund und abwechslungsreich ernähren können. Das führt durchweg zu einer erheblichen Verbesserung und ist für viele Patienten besser durchführbar als die sogenannte Low-FODMAP-Diät und genauso wirksam. Bei dieser Diät werden neben den fermentierbaren Ballaststoffen auch alle anderen fermentierbaren Kohlenhydrate weggelassen, um sie dann schrittweise wieder einzuführen und so die Übeltäter zu identifizieren.

Glutenfrei: Heilsam oder Hype?

Immer mehr Reizdarmpatienten berichten, dass sie seit einiger Zeit glutenfrei essen. Es ist möglich, dass sie sich dadurch besser fühlen. Denn Gluten ist ein Eiweiß, das in bestimmten Getreidesorten vorkommt. Durch eine glutenfreie Ernährung erhalten diese Patienten also automatisch weniger fermentierbare Ballaststoffe. Aber es sind die Ballaststoffe und nicht das Gluten, das sie weniger gut vertragen. Und darum brauchen sie sich auch gar nicht streng glutenfrei zu ernähren. Das ist doch wichtig zu verstehen, denn es bedeutet beispielsweise, dass man unbesorgt in ein Restaurant gehen kann, solange man nicht in den Brotkorb greift. Es sei denn, ein gründlicher Bluttest zeigt natürlich, dass man wirklich glutenintolerant ist. In diesem Fall muss man tatsächlich glutenfrei essen. Nicht nur, um Darmbeschwerden unmittelbar nach dem Verzehr von Gluten vorzubeugen. Aber auch, um schwerwiegende Langzeitkomplikationen wie Unterernährung oder vorzeitige Osteoporose zu verhindern. Bei einer echten Glutenintoleranz, auch Zöliakie genannt, reagiert das Immunsystem auf Gluten mit einer Reaktion, die die Darmwand schädigt.

Die Dosis macht das Gift

Es ist nicht verwunderlich, dass viele Menschen mit Reizdarmsyndrom angeben, dass sie auch Milchprodukte weniger gut vertragen. Dennoch haben nicht alle einen Mangel des Enzyms Laktase, das für den Abbau von Laktose oder Milchzucker im Dünndarm benötigt wird. Die Tatsache, dass sie Laktose weniger gut verdauen, hat oft noch einen anderen Grund. Einige Reizdarmpatienten haben eine beschleunigte Darmpassage und können daher nicht immer alle Laktosemoleküle, die im Dünndarm landen, rechtzeitig abbauen. Die Laktosemoleküle, die unversehrt den Dickdarm erreichen, werden von den Bakterien fermentiert, wobei Gase entstehen. Versuchen Sie, herauszufinden, wie viele Milchprodukte sie noch vertragen. Lieber dosieren als komplett streichen, denn Milchprodukte sind natürlich eine Quelle für gesundes Eiweiß, Vitamine und Mineralien. Selbst bei einem Mangel des Laktaseenzyms und damit einer echten Laktoseintoleranz verträgt der Körper noch eine begrenzte Menge Laktose. Wie viel genau, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch.

Komplexe Darmflora

Es wird immer noch viel geforscht, um die Ursachen des Reizdarmsyndroms zu behandeln. Wissenschaftler hoffen, eines Tages in der Lage zu sein, die Darmflora so umzuwandeln, dass sie weniger Gase bildet. Die Wirkung von probiotischen Nahrungsergänzungsmitteln scheint eher begrenzt zu sein. Ob Stuhltransplantationen wirksam sind, wird derzeit in Studien erforscht. Aber eine solche Transplantation ist sicherlich noch keine gültige Behandlungsmöglichkeit. Denn wer ist der ideale Spender? Und wie und wie oft sollte eine Stuhltransplantation verabreicht werden, um eine definitive Änderung herbeizuführen? Viele Fragen, und noch zu wenige Antworten, aber die Wissenschaftler sind dennoch hoffnungsvoll.

 


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