Mittwoch, 8. Juli 2015


Kühle Umgebung steigert die Insulinempfindlichkeit
(Foto: Dmitry Lobanov - fotolia.com)

Typ 2-Diabetiker können durch niedrigere Umgebungstemperaturen die Insulinempfindlichkeit steigern.


Kurze Abkühlungsphasen scheinen die Insulinempfindlichkeit in den Muskeln zu steigern und damit die Aufnahme von Zucker in die Muskelzellen zu verbessern. Dieses Studienergebnis der Universität Maastricht wurde im Fachjournal »Nature Medicine« veröffentlicht und soll neue Therapiemöglichkeiten für Menschen mit Typ 2-Diabetes eröffnen.

14 bis 15 Grad Umgebungstemperatur steigert Insulinempfindlichkeit um 43 Prozent
Laut den niederländischen Forschern konnte überzeugend dargestellt werden, dass sich die Situation von Menschen mit Diabetes Typ 2 erheblich verbessert, wenn sie kälteren Temperaturen ausgesetzt werden. Das bemerkenswerte Ergebnis wurde in einer Studie mit acht Typ 2-Diabetikern festgestellt, die zehn Tage lang bis zu sechs Stunden einer Temperatur von 14 bis 15 Grad Celsius ausgesetzt wurden. Bei Diabetikern reagieren die Muskeln kaum noch auf das Hormon Insulin, wodurch der Blutzucker ansteigt und die Gesundheit bedroht. In der erfolgreichen Studie stieg durch die Kälte die Empfindlichkeit der Muskeln für das Insulin um durchschnittlich 43 Prozent an und es konnte mehr Glukose aus dem Blut aufgenommen werden. »Ein unerwartetes, aufsehenerregendes und sehr positives Ergebnis«, so die Wissenschaftler, die mit einem weitaus geringeren Effekt gerechnet hatten. Darüber hinaus wurde der Großteil des positiven Effektes nicht - wie zuvor angenommen - durch zusätzliche Verbrennung von braunem Fett verursacht, sondern durch eine Wirkung auf den Muskel.

Typ 2-Diabetes: Insulin verliert seine Wirkung
Typ 2-Diabetes ist eine chronische Stoffwechselerkrankung und bedroht die Gesundheit im Laufe der Jahre vor allem durch ernste Verkalkung der Blutgefäße. Kern der Krankheit ist, dass das Hormon Insulin zu wenig Wirkung auf die Muskeln hat, sie dadurch zu wenig Zucker (Glukose) aufnehmen und das Blut zu viel Glukose enthält. Patienten bekommen meistens Ernährungsempfehlungen und Medikamente, die den Blutzuckerspiegel senken. Einen guten Ansatz, um die Ursachen zu bekämpfen, gibt es nicht. In den Niederlanden leben 900.000 Menschen mit Typ 2-Diabetes und ihre Lebenserwartung sinkt um fünf bis zehn Jahre. In Deutschland werden derzeit etwa sechs Millionen Menschen wegen eines Typ 2-Diabetes behandelt.

Wirkungsmechanismus noch unklar
Die neue Studie liefert einen Nachweis der Machbarkeit, wobei zu Beginn gezeigt wurde, dass eine Temperaturabsenkung einen positiven Effekt auf die Zuckeraufnahme in die Muskeln hat. Tatsächlich ist mehr Forschung notwendig, um die Langzeitwirkung festzustellen. Darüber hinaus ist es wichtig zu wissen, wie lange jemand sich in der Kälte aufhalten muss, zum Beispiel an zehn aufeinanderfolgenden Tagen oder nur ab und zu ein einzelner Tag.
Auch soll zusätzliche Grundlagenforschung Klarheit bringen, warum die Muskeln mehr Glukose aufnehmen können. Das könnte beispielsweise ein Signal sein, dass durch die niedrigen Temperaturen hervorgerufen wird, aber vielleicht auch auf andere Weise erzeugt werden kann. Das würde die praktische Anwendung vereinfachen, denn niemand bleibt gerne für lange Zeit in einem so kalten Raum. Die Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass die Machbarkeitsstudie und die noch zu gewinnenden Erkenntnisse zu einer neuen und wirksameren Behandlung des Diabetes Typ 2 führen werden.

Braunes Fett spielt untergeordnete Rolle
Forschungen über das braune Fettgewebe derselben Forschungsgruppe 2009 zeigten, dass dieses besondere Gewebe beim Menschen vorhanden ist. Dieses braune Fett, das in den 60-er Jahren auch schon bei Mäusen gefunden wurde, befindet sich beim Menschen hauptsächlich unter dem Schlüsselbein und besteht aus Fettzellen mit einer großen Menge von Mitochondrien. Diese »Zellkraftwerke« sind in der Lage den Körper aufzuwärmen, wenn er unterkühlt wird. Zunächst dachten die Maastrichter Wissenschaftler, dass das Absenken der Temperatur in der neuen Studie zu einer erhöhten Aktivität im braunen Fett führt, wodurch die Glukose in diesen kleinen »Heizkraftwerken« verbrannt wird. Aber dieser Effekt scheint untergeordnet und viel geringer als die gesteigerte Verbrennung in den Muskeln.

Quelle: Mark J W Hanssen, Joris Hoeks, Boudewijn Brans, Anouk A J J van der Lans, Gert Schaart, José J van den Driessche, Johanna A Jörgensen, Mark V Boekschoten, Matthijs K C Hesselink, Bas Havekes, Sander Kersten, Felix M Mottaghy, Wouter D van Marken Lichtenbelt & Patrick Schrauwen: Short-term cold acclimation improves insulin sensitivity in patients with type 2 diabetes mellitus. Nature Medicine (2015), doi: 10.1038/nm.3891

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