Donnerstag, 17. September 2015


Statine zur Cholesterinsenkung
verursachen häufig Muskelschmerzen
(Foto: daniel64 - pixabay.com)
20 Prozent der Menschen, die cholesterinsenkende Statine einnehmen, bekommen dadurch Muskelschmerzen. Forscher fanden nun die Ursache.


Cholesterinsenkende Medikamente wie Statine bremsen die Leistung von Muskelzellen zur Energieproduktion. 20 Prozent der Menschen, die cholesterinsenkende Statine benutzen, bekommen dadurch Muskelschmerzen. In einem Artikel in der wissenschaftlichen Zeitung »Cell Metabolism« zeigen Forscher des Radboudumc in Nimwegen, dass gerade die nicht wirksame Form der Statine die Muskelschmerzen verursacht. Die Ergebnisse öffnen den Weg für neue Möglichkeiten, die Muskelschmerzen zu reduzieren oder ihnen vorzubeugen.
Statine sind cholesterinsenkende Medikamente, die täglich von Millionen Menschen angewendet werden. Statine gehören zu den meist verordneten Medikamenten überhaupt. Sie senken das Cholesterin im Blut, wodurch das Risiko für Herz- und Gefäßkrankheiten abnimmt.

Muskelschmerzen behindern optimale Behandlung
Die häufigste Nebenwirkung von Statinen ist Muskelschmerz. Obwohl es in seltenen Fällen zu einem ernsten Muskelabbau kommen kann, leidet die größte Gruppe der Anwender - 20 Prozent aller Patienten - unter Muskelschmerzen ohne Muskulaturschäden. Dennoch behindern die Muskelschmerzen den Alltag. Frans Russel, Hochschullehrer für Pharmakologie und Toxikologie und Studienleiter sagt: »In vielen Fällen sorgen die Muskelschmerzen dafür, dass Patienten die Medikamente hin und wieder nicht einnehmen. Um die manchmal heftigen Beschwerden zu reduzieren, wird auch oft die Dosierung gesenkt. In beiden Fällen führt das zu einer weniger wirksamen Behandlung.«
Das Forschungsteam des Rauboudumc zeigt nun, dass die Funktion der Mitochondrien gehemmt wird. Sie konnten das nicht nur in Muskelzellen darstellen, sondern auch in den Muskeln der Patientengruppe, die nach der Statin-Einnahme Muskelprobleme bekamen. Doch wie entsteht dieses Problem genau?

Lacton ist der Übeltäter
Tom Schirris, Hauptautor des Artikels in »Cell Metabolism«, erklärt: »Im Körper kommen Statine in zwei chemischen Formen vor; als Säure und als Lakton. Beide Formen können ineinander übergehen, aber nur die Säureform bewirkt die Cholesterinsenkung. Die Laktonform tut das nicht. In unserer Studie sehen wir weiter, dass gerade die nicht wirksame Laktonform die Muskelprobleme verursacht und nicht die Säure.«
Die Schlussfolgerung ist daher, dass die Muskelbeschwerden dadurch entstehen, dass die Laktonform die Funktion der Mitochondrien angreift. Mitochondrien sind die Energiezentralen jeder Zelle. Sie wandeln Nahrung in Treibstoff für unsere Zellen um. Fast alle Zellen in unserem Körper enthalten Mitochondrien. Vor allem Zellen von Organen, die sehr viel Energie verbrauchen - wie Herz, Leber, Gehirn und Muskeln - enthalten eine große Anzahl Mitochondrien.

Sauerstofftransport wird behindert
Genauere Forschungen zeigen, dass die Laktonform der Statine einen wesentlichen Bestandteil der Energieproduktion in den Mitochondrien hemmt. Russel: »Es geht um die Atmungskette in den Mitochondrien, eine Kette in der die Zelle durch Sauerstoffverbrauch Energie erzeugt. Dieser Mechanismus wird stark beeinträchtigt. Weiter zeigen wir ebenfalls, dass die Statine sich während der Behandlung im Muskel ansammeln. Diese Anhäufung der Statine trägt weiter dazu bei, dass die optimale Funktion der Mitochondrien gebremst wird.«

Neue Möglichkeiten zur Reduzierung der Nebenwirkungen
Schirris: »Die Ergebnisse unserer Studie machen es möglich, um Einzelheiten dieses Statin-Stoffwechsels noch weiter zu entschlüsseln. Es gibt dabei noch eine Reihe anderer Aspekte, die sehr interessant sind und für die sich weitere Forschungen lohnen. Darüber hinaus suchen wir - weil wir jetzt den molekularen Mechanismus kennen, der die Muskelschmerzen verursacht - auch nach neuen Möglichkeiten, um die Muskelschmerzen zu verhindern oder ihnen vorzubeugen.«

Cholesterinsenker zur Risikosenkung von Gefäßkrankheiten
Im Moment sind Statine die meist verwendeten cholesterinsenkenden Medikamente, die weltweit von mehr als einhundert Millionen Menschen eingenommen werden. Sie verringern die Cholesterin-Produktion in der Leber, in dem sie das Enzym HMG-CoA-Reductase hemmen. Dadurch senken Statine sehr effektiv den Cholesterinspiegel im Blut. Deshalb werden sie beinahe von allen Menschen mit einem erhöhten Risiko für Herz- und Gefäßkrankheiten angewendet. Zu den meist verordneten Statinen gehören Atorvastatin und Simvastatin. Weiterhin werden noch Pravastatin, Fluvastatin und Rosuvastatin häufig verordnet.

Nebenwirkungen unterschätzt
Bei der Einführung von Statinen im Jahr 1978 wurde das Risiko für Muskelprobleme auf 0,01 bis 0,1 Prozent geschätzt. Heute, fast vierzig Jahre später, weiß man, dass leichte Muskelbeschwerden bei mehr als 20 Prozent aller Anwender auftreten. Die Muskelbeschwerden variieren von Steifheit in Armen und Beinen bis zu heftigen Muskelschmerzen, die Menschen bei alltäglichen Tätigkeiten beeinträchtigen. Für diese Muskelschmerzen werden als Risikofaktoren unter anderem genannt die Art des Statins, Alter, Geschlecht, Aufnahme und Stoffwechsel in der Leber, ethnische Zugehörigkeit sowie die gleichzeitige Einnahme anderer Medikamente.
Bis heute wurde die Hemmung der Mitochondrien-Funktion hauptsächlich dem verringerten Vorhandensein von Bausteinen in der Zelle zugeschrieben, für deren Produktion Cholesterin notwendig ist. Ein Beispiel dafür ist das Co-Enzym Q, ein frei verkäufliches Nahrungsergänzungsmittel, von dem angenommen wurde, dass es bei Muskelbeschwerden durch Statin-Einnahme hilft. Die positiven Effekte des Enzyms sind aber tatsächlich sehr begrenzt.

Quelle: Schirris, Tom J.J. et al.: Statin-Induced Myopathy Is Associated with Mitochondrial Complex III Inhibition. Cell Metabolism , Volume 22 , Issue 3 , 399 - 407, DOI: 10.1016/j.cmet.2015.08.002

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