Mittwoch, 15. April 2020


Nicht nur in unserem Darm leben Milliarden von Bakterien, auch auf unserer Zunge beeinflussen sie unsere Gesundheit.

Wissenschaftler haben eine noch nie dagewesene detaillierte Darstellung unserer „Mitbewohner“ auf der Zunge dokumentiert. Langsam aber sicher gibt dies Aufschluss darüber, wie all die guten und schlechten Bakterien uns gesund erhalten oder gerade krank machen.
Mosaik von Bakterien
Für den ahnungslosen Laien ähnelt die Darstellung einem bunten Blatt einer exotischen Pflanzenart, aber Experten sehen in diesem Mosaik eine Zungenzelle, die von Gruppen bildenden Bakterien umgeben ist. Dafür setzten die Wissenschaftler eine neue Technik ein, um ein detailliertes Bild davon zu bekommen, wie Zungenbakterien als Nachbarn zusammenleben. Die Studie wurde nun im Fachmagazin „Cell Reports“ veröffentlicht.
Mundbakterien verursachen Entzündungen
Diese Bakterien leben nicht einfach so in großer Zahl auf unserer Zunge und in unserem Mund. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Verdauung unserer Nahrung und bei der Entwicklung unseres Immunsystems. Aber sie können unserem Körper auch schaden. So wird das Mundbakterium Porphyromonas gingivalis zum Beispiel mit der Alzheimer-Krankheit und auch mit rheumatoider Arthritis in Verbindung gebracht.
Eigenes Ökosystem im Mund
Diesem Bösewicht den Garaus zu machen, scheint damit die offensichtliche Lösung zu sein. Leider ist es nicht so einfach. Das Mikrobiom im Mund oder die Mundflora – die neben Bakterien aus weiteren kleinen Bewohnern wie Pilzen, Viren und Amöben besteht – ist ein Ökosystem, in dem alle möglichen komplexen Abhängigkeiten eine Rolle spielen. Wenn man einen Übeltäter entfernt, verschwinden mit ihm vielleicht auch gute Bakterien. Wenn man ein bestimmtes Bakterium loswerden will, ist es wichtig zu wissen, welche neben ihm leben und ob die „Nachbarn“ nützlich sind oder bereit, den leeren Platz einzunehmen.

Forschungen werfen immer neue Fragen auf
In den letzten zehn Jahren ist sich die Wissenschaft zunehmend der Bedeutung des Mundmikrobioms für unsere Gesundheit bewusst geworden. Aber mit jedem Krümel Wissen stellen sich mindestens genauso viel neue Fragen. Das ist auch bei dieser Forschung nicht anders. Denn wie wählen Zungenbakterien ihre Nachbarn aus? Die Forscher hoffen, das in naher Zukunft herauszufinden. Vorerst dient das Mosaikbild vor allem als praktischer Aufhänger, um das gesamte Wissen über unsere kleinen Zungenbewohner zu organisieren. Nachfolgend drei Beispiele, was über das Wohl und Wehe der Zungenbewohner inzwischen bekannt ist.
Nicht mit antibakteriellem Mundwasser spülen
Jeden Morgen kurz mit Mundwasser spülen. Das gibt doch extra Frische, nicht wahr? Nur klug ist das nicht. Zumindest wenn es um Mundwasser mit antibakterieller Wirkung geht. Das tötet nicht nur die unerwünschten Bakterien, aber auch die guten Bakterien, die zum Beispiel helfen, den Blutdruck im Gleichgewicht zu halten. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass der Blutdruck leicht ansteigt, wenn Testpersonen über einen gewissen Zeitraum regelmäßig mit antibakteriellem Mundwasser spülen. Diese blutdrucksenkenden Bakterien können nämlich etwas, was unsere Körperzellen nicht können: Nitrat aus der Nahrung in Nitrit umwandeln, so dass unser Körper den letzten Schritt machen kann, nämlich das Nitrit in Stickstoffmonoxid umzuwandeln. Dieser Stoff regt die Blutgefäße dazu an, sich zu weiten, was den Blutdruck etwas sinken lässt.
Selbst wenn man also viel nitrathaltige Nahrungsmittel wie Blattgemüse isst, aber regelmäßig mit antibakteriellem Mundwasser spült, wird die blutdrucksenkende Wirkung völlig aufgehoben. Deshalb sollte man die antibakterielle Mundspülung besser im Schrank lassen. Von Ausnahmen abgesehen, denn Menschen, die auf Anraten eines Arztes oder Zahnarztes, eine antibakterielle Mundspülung verwenden, sollten diesem Rat natürlich folgen.
Regelmäßig die Zunge schaben
Ein Zungenreiniger ist ein ausgezeichnetes Mittel, ein unangenehmes Problem zu bekämpfen: Mundgeruch. Mundgeruch entsteht durch Schwefelausdünstungen von Bakterien, die keinen Sauerstoff mögen. Eigentlich ist es ziemlich merkwürdig, dass diese Bakterien überhaupt im Mund leben, obwohl es im Mund relativ viel Sauerstoff gibt. Wie ist das möglich? Die Stinkbakterien profitieren von hilfsbereiten Nachbarn im Obergeschoss. Sie wachsen als eine Art Deckel über die Hohlräume, in denen sich die Stinkbakterien mit Vorliebe verschanzen. Denn für eine Bakterie ist die Zunge wie eine Gebirgslandschaft voller Schluchten und Furchen. In diese abgedeckten Hohlräume kann kaum Sauerstoff eindringen.
Täglich einen kleinen Cocktail aus guten Bakterien zum Frühstück?
Es wird viel darüber geforscht, wie die Mundflora gestärkt werden kann, zum Beispiel durch zusätzliche Präbiotika oder Probiotika. Präbiotika ist ein Begriff für verschiedene Substanzen, die das Wachstum bestimmter Bakterienarten fördern. Solche Präbiotika sind in unserer Nahrung enthalten, aber durch Nahrungsergänzungsmittel kann man die Zufuhr zusätzlich erhöhen. Probiotika sind gerade ein wenig anders: Das sind lebende Bakterienstämme, die die Gesundheit fördern können und so verpackt sind, dass sie den Darm lebend erreichen und sich dort vermehren.
Laut manchen Experten ist der Mehrwert solcher Nahrungsergänzungsmittel und Bakteriencocktails für gesunde Menschen nicht nachgewiesen und kürzlich wurde eine Studie veröffentlicht, die die Einnahme von Probiotika für die Zahngesundheit kritisch sieht. Demnach sei es besser, den Mundbakterien das zu geben, was sie zum Wachsen brauchen. Also die entsprechenden „Rohstoffe“ – Präbiotika –, die einfach in der Nahrung enthalten sind, wie Nitrat aus Blattgemüse und Arginin aus eiweißreicher Nahrung. Studien mit Menschen, die nie Löcher in den Zähnen haben, zeigte, dass sie eine bestimmte Art von Bakterien im Mund haben, die die Aminosäure Arginin – ein Baustein für Eiweiß – sehr effektiv umwandeln. Das erhöht den Säuregrad des Speichels und schützt die Zähne besser vor Karies.

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