Samstag, 3. April 2021

Sechs unbekannte Dickmacher


Zunehmen geht meist schneller als Abnehmen. Zudem gibt es einige wenig bekannte Dickmacher, die dem Streit gegen die überzähligen Kilos im Wege stehen.

 

Der Kampf gegen das Übergewicht ist viel komplexer als nur Sport zu treiben und weniger zu essen. Dahinter verbirgt sich eine Welt von Dickmachern und Dingen, die das Abnehmen verhindern oder zumindest erschweren. Dennoch gibt es einige Lösungen.

Nicht nur essen macht dick

Dass jedes Pfund durch den Mund geht, ist eine der größten Fehleinschätzungen beim Übergewicht, wissen inzwischen Adipositas-Experten. Wie bei anderen Krankheiten gibt es verschiedene Arten von Fettleibigkeit, die nicht alle oder ausschließlich auf die Lebensweise zurückzuführen sind. In den letzten Jahren wurden viele andere Faktoren identifiziert, die das Körpergewicht erhöhen. Der erste Schritt besteht darin, diese Ursachen festzustellen und dann die Behandlung darauf abzustimmen. Das erhöht die Erfolgschancen enorm. Hoffentlich können diese Erkenntnisse auch dem Vorurteil oder „Fatshaming“ gegenüber Menschen mit Übergewicht ein Ende setzen. Es ist höchste Zeit, dass es mehr Respekt für diejenigen gibt, die mit ihrem Gewicht zu kämpfen haben. Denn auch Stress, Hormone, Medikamente, gestörtes Hungergefühl, gestörte Darmflora sind allesamt unerwartete, verborgene Dickmacher. Darum sind hier sechs wenig bekannte Dickmacher aufgeführt.

1. Medikamente

Wenig bekannt, aber sehr häufig ist Übergewicht durch Medikamente. Beinahe die Hälfte aller Menschen mit Adipositas nimmt mindestens ein Medikament ein, das als Nebenwirkung eine Gewichtszunahme bewirkt. Bei einigen Medikamenten, wie Antidepressiva, Antiepileptika und Insulin bei Diabetes, ist die Nebenwirkung allerdings bekannt. Aber viele andere Medikamente sind den Anwendern und sogar medizinischem Personal weniger bekannt als Dickmacher. Andere Diabetes-Medikamente, Antihistaminika gegen Allergien, Kortikosteroide bei Entzündungen und Protonenpumpenhemmer gegen Sodbrennen sowie Antibiotika können ebenfalls das Körpergewicht beeinflussen, weil sie die Zusammensetzung der Darmbakterien verändern.

Manchmal sind es nur ein paar Kilo, aber wenn man vier solcher Medikamente einnimmt, summiert sich das natürlich und das Abnehmen wird ziemlich schwierig. Ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung verwenden Kortikosteroide, die in vielen verschiedenen Medikamenten enthalten sind. Die bekanntesten sind Cortisontabletten Prednison und Dexamethason, die eine Gewichtszunahme im Bauchbereich bewirken und gleichzeitig den Appetit anregen. Aber auch Kortikosteroid-Medikamente zur lokalen Anwendung, wie zum Beispiel bestimmte Inhalationen bei Asthma, Injektionen gegen Gelenkentzündungen, Nasensprays und Hautcremes, können einen (dauerhaften) Einfluss auf das Gewicht haben. Medikamente als Dickmacher lassen sich häufig ausschließen, indem der Arzt eine Alternative verordnet, die nicht oder weniger das Gewicht beeinflusst oder indem man die Dosierung anpasst.

2. Hormone und endokrine Disruptoren

Einige hormonelle Veränderungen und Erkrankungen können Ihr Gewicht ebenfalls stark beeinflussen. Krankheiten wie eine Schilddrüsenunterfunktion, das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS, bei dem Frauen zu viele männliche Hormone produzieren), ein Mangel an Sexualhormonen, das Cushing-Syndrom (Überproduktion von Cortisol) haben eine solche Wirkung. Und dann gibt es noch die normalen hormonellen Veränderungen wie Schwangerschaft und Wechseljahre.

Der Kontakt mit endokrinen Disruptoren wird ebenfalls mit einer Gewichtszunahme in Verbindung gebracht. Diese Chemikalien können die Wirkung der natürlichen Hormone nachahmen oder blockieren und so Ihren Hormonhaushalt durcheinanderbringen. Es wurden Hinweise gefunden, dass endokrine Disruptoren die Zuckerempfindlichkeit und den Fettstoffwechsel beeinflussen, was zu einer Gewichtszunahme führt. Bekannte Beispiele sind Bisphenol A (BPA) und Phthalate, die als Weichmacher verwendet werden, um Kunststoffgegenstände flexibler zu machen. Man kommt mit ihnen über den Mund oder die Haut in Kontakt, da sie in einer Vielzahl von Gegenständen vorhanden sind: von der Plastikverpackung von Lebensmitteln bis hin zum Kassenzettel oder der Shampooflasche.

3. Psychische Faktoren und Stress

Chronischer Stress macht in der Regel nicht schlank, sondern in vielen Fällen dick. Körperlicher oder psychischer Stress führt dazu, dass in Ihrem Körper Entzündungsstoffe freigesetzt werden. Diese signalisieren dem Gehirn, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen, um die Entzündung zu bremsen. Ihr Gehirn sendet dann ein Signal an Ihre Nebennieren, die Produktion des Stresshormons Cortisol zu erhöhen. Auch chronische Schmerzen, ein gestörter Tag- und Nachtrhythmus und Schlafmangel können eine dauerhafte Stressreaktion auslösen. Ein zu hoher Cortisolspiegel wiederum löst Heißhunger und zusätzliches Naschen aus, was mit der Zeit zu einer Gewichtszunahme führt. Gleichzeitig bewirkt Cortisol eine Umverteilung der Fettmasse in Richtung Bauchbereich. Das ist das ungesunde Fett, das ebenfalls Entzündungen verursacht. Daher ist es wichtig, bei der Gewichtsabnahme auch die zugrundeliegenden psychischen Probleme anzupacken.

Dass nicht jeder durch Stress dick wird, liegt daran, dass wir unterschiedlich auf stressige Ereignisse reagieren. Wie empfindlich Sie auf Cortisol reagieren, ist teilweise genetisch bedingt. Neue Forschungen zeigen, dass fast die Hälfte aller Menschen eine genetische Variante trägt, die eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Cortisol anzeigt. Sie haben mit größerer Wahrscheinlichkeit einen dickeren Bauch, einen höheren ungünstigen Cholesterinspiegel, weniger Muskelmasse und ein erhöhtes Risiko für Depressionen.

4. Defekte Gene

Niederländische DNA-Forschung hat gezeigt, dass zwei bis vier Prozent der Menschen, die stark übergewichtig sind, eine angeborene genetische Störung haben. Dazu gehören Defekte in der DNA eines Gens wie des MC4-Rezeptors, der das Hungergefühl hemmt, oder eine Störung des Leptin-Rezeptors, der für den Sättigungsmechanismus mitverantwortlich ist. Aufgrund dieser Defekte werden die Signale, die von Magen und Darm zum Gehirn gesendet werden, dort nicht empfangen. Sie haben dann ein verzerrtes Hungergefühl, was dazu führt, dass sie ständig hungrig sind, selbst bei vollem Magen. Menschen mit einem solchen Defekt haben daher große Schwierigkeiten abzunehmen. Eine Diagnose ist wichtig, weil es für einige Gendefekte bereits Medikamente gibt und weitere entwickelt werden. Eine Anomalie im Hypothalamus - dem Kontrollzentrum im Gehirn, das den Appetit und Stoffwechsel reguliert - zum Beispiel aufgrund einer Hirnverletzung kann ebenfalls die Gewichtsabnahme blockieren.

5. Darmflora

Ein potenzieller Dickmacher, den man mit sich herumträgt, sind die Darmbakterien. Sie beeinflussen, wie der Körper die Nährstoffe verarbeitet, die man isst. Etwa 90 Prozent dieser Darmbakterien gehören zu zwei Stämmen. Und das Ausmaß, in dem man abnimmt, hängt wahrscheinlich mit dem richtigen Gleichgewicht zwischen diesen Stämmen zusammen. Übergewichtige Menschen scheinen weniger Bakterien des ersten Stammes und einen Überfluss des zweiten zu haben. Ihre Darmflora scheint darauf eingestellt zu sein, mehr Energie aus der Nahrung zu gewinnen, die den Darm passiert. Aus diesem Grund kann man auch zunehmen, obwohl man wenig isst. Außerdem haben übergewichtige Menschen weniger unterschiedliche Bakterienstämme, was für ein gesundes Gewicht ungünstig ist. Diese Zusammensetzung kann man selbst beeinflussen, indem man mehr Ballaststoffe (Präbiotika) isst, denn sie aktivieren die nützlichen Darmbakterien. Diese sorgen dafür, dass die Nahrung schneller durch den Magen-Darm-Trakt gelangt. Die Einnahme von Probiotika kann eine Gewichtsabnahme ebenfalls fördern.

6. Erkältungsvirus

Auch ein Erkältungsvirus (Adenovirus 36) kann die Ursache für Fettleibigkeit sein. Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass mindestens 30 Prozent der fettleibigen Menschen dieses Virus haben, im Vergleich zu nur 10 Prozent der schlanken Bevölkerung. Tierversuche haben gezeigt, dass die DNA dieses Virus in die Fettzellen eindringt, wodurch mehr Fett und Zucker aus dem Blut eingelagert wird und man zunimmt, auch ohne mehr zu essen. Menschen, die mit diesem Virus infiziert sind, können mit einer kombinierten Behandlung dennoch abnehmen, bleiben aber anfälliger für einen Rückfall, wenn sie ihren gesunden Lebensstil aufgeben. Derzeit wird auch nach einem Impfstoff gegen diesen Virus gesucht.


Keine Kommentare:

Kommentar posten