Sonntag, 3. Juli 2016


Gesunde Kinder brauchen keine
glutenfreie Ernährung
(Foto: PublicDomainPicture - pixabay.com)

Glutenfreie Diäten können für Kinder, die eigentlich kein Problem mit dem Verdauen des Klebereiweißes aus Getreide haben, mehr schaden als nützen.




Glutenfreie Produkte werden immer mehr in den Regalen von Supermärkten und Drogeriemärkten angeboten. Glutenfrei gilt als hip und besonders gesund. Eltern glauben, dass sie bei ihren Kindern so einer Glutenintoleranz vorbeugen können. Doch eine glutenfreie Ernährung ist sicher nicht für jeden heilsam. Vor allem bei gesunden Kindern hat es wenig Sinn, ihnen eine glutenfreie Diät zu verordnen. Es kann sogar für sie zur Gefahr werden.



Glutenfreie Produkte bringen Gesunden keinen Vorteil

Zöliakie oder Glutenintoleranz ist eine Erkrankung, bei der die Darmschleimhaut beschädigt wird, wenn Gluten mit der Nahrung in den Darm gelangt. Gluten ist unter anderem Bestandteil von Getreidesorten wie Weizen, Hafer, Roggen, Gerste und Dinkel. Wer an Zöliakie leidet sollte glutenhaltige Produkte am besten meiden. Doch auch bei Menschen, die keine Intoleranz gegenüber Gluten haben, werden glutenfreie Nahrungsmittel immer populärer, obwohl sie für Gesunde keinen Nutzen haben. Erst recht bei Kindern ist es gefährlich, das Gluten einfach so aus der Ernährung zu streichen, erklärt Dr. Norelle R. Reilly, Kinderärztin und Spezialistin für Magen-Darm-Erkrankungen am medizinischen Zentrum der Columbia-Universität. Sie weist auf vier Dinge hin, die Sie wissen sollten, bevor Sie Gluten vom Speiseplan Ihrer Kinder streichen. In einem Artikel im Fachjournal »The Journal of Pediatrics« werden verschiedene Aspekte zur glutenfreien Ernährung bei Kindern diskutiert.



Gluten ist nicht giftig

Gluten kommt in verschiedenen alltäglichen Nahrungsmitteln vor. Nicht nur in Getreideprodukten wie Brot, Nudeln und Keksen, sondern auch versteckt in bearbeiteten Lebensmitteln wie Brühwürfeln, Soßen, fertig zubereitetem Fleisch und Bier. Dennoch ist Gluten von Natur aus nicht giftig für den Körper. Nur wer tatsächlich mit einer Glutenintoleranz kämpft, wird Magen-Darm-Beschwerden bekommen, wenn er entsprechende Nahrungsmittel zu sich nimmt. In allen anderen Fällen ist es sinnlos, Gluten zu meiden. Einem Kind vorsorglich kein Gluten zu geben, in der Hoffnung, dass es so nicht glutenintolerant wird, ist daher auch keine gute Idee, meint Dr. Reilly. Eine ausgewogene Ernährung mit Gemüse, Obst, Eiweiß und verschiedenen Sorten Kohlenhydraten ist noch immer die beste Art, ein Kind gesund zu halten.



Glutenfrei ist kein Synonym für gesund

»Glutenfrei« hat oft zu unrecht ein gesundes Image, obwohl das nicht immer der Fall ist. Obst und Gemüse sind von Natur aus glutenfrei und auch wichtig in der kindlichen Ernährung. Aber ein glutenfreier Keks bleibt ein ungesunder Keks. Darüber hinaus enthalten viele glutenfreie Alternativen zu Brot und Keksen oft mehr Fett und Kalorien als die glutenhaltige Version. Manchmal findet man auch weniger Vitamine und Folsäure in solchen Ersatzprodukten, was schlimmstenfalls zu Vitaminmangel führen kann. Außerdem ist eine glutenfreie Diät arm an Ballaststoffen, die für gesunde Menschen wichtig sind für Darm und Verdauungsprozess. Häufig kommt es bei Kindern, die beginnen glutenfrei zu essen, zu Verstopfung, weiß Dr. Reilly aus eigener Erfahrung. Von Experimenten bei Kindern mit einer glutenfreien Diät, ohne dass eine Glutenintoleranz diagnostiziert wurde und ohne ärztliche Begleitung, ist deshalb abzuraten.



Schwierigere Diagnose

Beginnen Sie als Eltern von sich aus mit Ihrem Kind glutenfrei zu essen, dann ist es später für Ärzte schwieriger festzustellen, ob Ihr Kind mit einer Intoleranz zu kämpfen hat. Symptome alleine reichen nicht aus, um eine Diagnose stellen zu können und ein Bluttest im Nachhinein kann keinen Unterschied mehr machen zwischen einem Kind mit Zöliakie, dass glutenfrei isst und einem Kind, das eigentlich nie Zöliakie hatte, aber trotzdem glutenfrei isst. Sprechen Sie deshalb immer erst mit einem Arzt, wenn Sie eine Intoleranz vermuten und bevor Sie damit beginnen, bestimmte Nahrungsmittelgruppen vom Speiseplan zu streichen.



Teuer und sozial einschränkend

Es ist schon als Erwachsener nicht leicht mit einer Glutenintoleranz zu leben, geschweige denn als Kind. Bei vielen kindlichen Aktivitäten spielt Essen eine Rolle, denken Sie an Geburtstagsfeste, Ausflüge und Schulessen. Kinder, die Gluten meiden müssen, fühlen sich oft als Außenseiter gegenüber ihren Altersgenossen oder befürchten, dass ihre Diät Einfluss auf zukünftige Entscheidungen wie Studium oder Berufs- und Karrierewünsche haben könnte. Zudem sind glutenfreie Nahrungsmittel sehr teuer, was für viele Familien eine finanzielle Herausforderung darstellt.



Geschäftsidee »glutenfrei«

Weil inzwischen die Nachfrage nach glutenfreien Produkten steigt, freuen sich die Hersteller solcher Nahrungsmittel über steigende Umsätze. Glutendiät ist angesagt, die Produkte sind bereits zur Massenware geworden und solch ein lukratives Geschäft lassen sich die Hersteller natürlich nicht entgehen. Glutenfreie Nahrungsmittel kosten durchschnittlich zweieinhalb Mal so viel wie herkömmliche Nahrungsmittel. Dabei ist nur etwa ein Prozent der Bevölkerung tatsächlich von Zöliakie betroffen. Doch Gluten hat mittlerweile fast einen genauso miserablen Ruf wie Kohlenhydrate oder Fett. Und Prominente, denen häufig nachgeeifert wird, schwören auf Diäten ohne Weizen und Gluten. Getreide soll dick und krank machen. Und so ist der Umsatz mit glutenfreien Lebensmitteln nach Angaben des Marktforschungsinstituts Nielsen mittlerweile auf 117 Millionen Euro gestiegen. Bevor Sie also weiter die Kassen der Hersteller klingeln lassen, sollten Sie einen Arzt fragen, ob sich diese Investition in die Gesundheit wirklich lohnt.

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