Phagen sind Viren, die Bakterien angreifen und im Kampf gegen die zunehmende Wirkungslosigkeit von Antibiotika eine wachsende Bedeutung bekommen. Sogar bei Infektionen mit multiresistenten Keimen können Phagen helfen.
Phagen, auch Bakteriophagen genannt, sind Viren, die spezifisch Bakterien infizieren und zerstören. Sie gelten als vielversprechende Alternative oder Ergänzung zu Antibiotika, insbesondere angesichts der zunehmenden Antibiotikaresistenzen. In diesem Artikel beleuchten wir, was Phagen sind, bei welchen Krankheiten sie eingesetzt werden, den aktuellen Stand der Wissenschaft in Europa, wo Phagenbehandlungen stattfinden, welche Kosten damit verbunden sind, aktuelle klinische Studien in Europa sowie neueste Studienergebnisse aus Deutschland.
Was sind Phagen?
Phagen sind natürliche Viren, die ausschließlich Bakterien als Wirte nutzen. Sie binden sich an spezifische Bakterien, injizieren ihr Erbgut und führen zur Zerstörung der Bakterienzelle. Diese Eigenschaft macht sie zu potenziellen Therapeutika gegen bakterielle Infektionen. Anders als Antibiotika wirken Phagen hochspezifisch und greifen nur bestimmte Bakterienstämme an, was die Darmflora und andere nützliche Bakterien schont.
Bakteriophagen kommen in gigantischen Mengen vor. Es sollen zehn Millionen Mal mehr Phagen im Ozean leben als es Sterne im Universum gibt. Würde man alle Phagen aus dem Meer aufeinanderstapeln, würde man einen Turm erhalten, der weiter reicht als sechzig Galaxien in unserer Umgebung – das ist unendlich weit. Es sind Zahlen, die Pirnay in einem Übersichtsartikel über diese Technik anführte, den er 2020 in „Frontiers in Microbiology“ veröffentlichte. In unseren Darmbakterien sollen insgesamt eine Billiarde Bakteriophagen vorkommen (das ist eine Zehn mit fünfzehn Nullen dahinter). Und ja, das ist pro Person berechnet.
Ein Artikel in „Nature“ über den permanenten Wettlauf zwischen Viren und Bakterien berichtet, dass täglich 20 bis 40 Prozent des bakteriellen Sterbens im Ozean die Folge einer Infektion mit Phagen ist. Ihr Einfluss auf ein ökologisches System ist also enorm. Die Bakterien lassen das natürlich nicht einfach so geschehen. Sie bringen ständig neue Waffen im Kampf gegen ihre Angreifer ins Spiel. So verändern sie regelmäßig die Struktur der Rezeptoren an ihrer Zellwand, an denen sich Phagen festsetzen, um ihr genetisches Material einzuschleusen. Bakterien sind sogar in der Lage, neu erworbene Eigenschaften untereinander weiterzugeben, wodurch sie von den Innovationen der anderen profitieren können. Allerdings reagieren die Phagen ebenfalls mit entsprechenden Anpassungen, so dass ein gewisses Gleichgewicht besteht.
Einsatzgebiete von Phagen
Phagen werden vor allem bei bakteriellen Infektionen eingesetzt, die schwer behandelbar sind oder bei denen Antibiotika versagen. Dazu zählen:
· Chronische Wundinfektionen, z.B. bei diabetischem Fußsyndrom
· Osteomyelitis (Knocheninfektionen)
· Infektionen mit multiresistenten Erregern wie MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus)
· Harnwegsinfektionen
· Lungeninfektionen, z.B. bei Mukoviszidose-Patienten
Stand der Wissenschaft in Europa
In Europa befindet sich die Phagentherapie noch überwiegend in der experimentellen und klinischen Erprobungsphase. Zahlreiche Studien und erste klinische Anwendungen zeigen vielversprechende Ergebnisse, doch fehlen bislang großangelegte, randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit hoher Evidenz. Meta-Analysen und systematische Reviews heben hervor, dass Phagenbehandlungen sicher sind und in vielen Fällen zu einer signifikanten Verbesserung der Infektionssituation führen können, insbesondere bei antibiotikaresistenten Infektionen (z.B. Jault et al., 2019; Abedon et al., 2017).
Wo in Europa wird mit Phagen behandelt?
Phagenbehandlungen werden in einigen europäischen Ländern bereits angewandt, vor allem in spezialisierten Zentren und im Rahmen von Einzelfallentscheidungen oder klinischen Studien. Bedeutende Zentren sind:
· Georgien und Polen (historisch führend, auch wenn Georgien geografisch zu Eurasien zählt)
· Deutschland: Verschiedene Universitätskliniken und spezialisierte Zentren bieten Phagentherapie an, z.B. in Wrocław (Polen, nahe der deutschen Grenze) und in Tübingen
· Frankreich: Klinische Studien und compassionate use Programme
· Schweiz: Klinische Studien und Einzelfallbehandlungen
Kosten einer Phagenbehandlung in Europa
Die Kosten für eine Phagenbehandlung variieren stark je nach Land, Art der Infektion, Dauer der Behandlung und ob eine individuelle Phagenanpassung nötig ist. Da es sich oft um individuelle Therapien handelt, liegen die Preise meist im höheren dreistelligen bis vierstelligen Eurobereich pro Behandlungseinheit. Eine exakte Kostentransparenz fehlt, da viele Behandlungen noch nicht regulär von Krankenkassen übernommen werden und häufig im Rahmen von Studien oder Arzneimittel-Härtefall-Programmen erfolgen. Damit können bestimmte Patientinnen und Patienten im Ausnahmefall mit einem Medikament behandelt werden.
Aktuelle klinische Studien in Europa
Die Phagentherapie erfährt in Europa derzeit einen Aufschwung in der klinischen Forschung. Mehrere Studien laufen aktuell oder werden bald starten, um die Sicherheit, Wirksamkeit und Erweiterbarkeit der Therapie zu untersuchen:
· Die Universitätsmedizin Frankfurt startet ab Februar 2026 den Einsatz von Phagentherapien bei schwer therapierbaren Infektionen. Dies ist Teil eines größeren Programms zur Integration neuartiger Infektionstherapien in die klinische Praxis.
· In Deutschland und Spanien laufen mehrere klinische Studien, die sich auf chronische und multiresistente bakterielle Infektionen konzentrieren.
· Der 9. World Congress on Targeting Phage Therapy 2026 in Valencia, Spanien, fokussiert sich auf die Erweiterbarkeit und Zugänglichkeit der Phagentherapie, was auf eine zunehmende Industrialisierung und breitere klinische Anwendung hinweist.
· Forschungsschwerpunkte liegen auf personalisierter Phagentherapie, Herstellungstechnologien (Bioreaktoren) und der Behandlung chronischer Atemwegsinfektionen, etwa bei Mukoviszidose.
Neueste Studienergebnisse aus Deutschland
In Deutschland wurden jüngst mehrere wichtige Studien veröffentlicht, die den Fortschritt der Phagentherapie unterstreichen:
· Eine Studie an der Universitätsmedizin Frankfurt berichtete über erste erfolgreiche Anwendungen von Phagentherapie bei Patienten mit multiresistenten bakteriellen Infektionen, die auf konventionelle Antibiotika nicht ansprachen. Die Behandlung zeigte eine gute Verträglichkeit und führte bei vielen Patienten zu einer signifikanten Verbesserung der Infektionslage.
· Forschungen am Universitätsklinikum Tübingen fokussieren auf die Entwicklung personalisierter Phagenpräparate, die gezielt auf die individuellen bakteriellen Erreger eines Patienten abgestimmt sind. Erste Pilotstudien zeigten vielversprechende Resultate bei chronischen Wundinfektionen und Osteomyelitis.
· Eine weitere deutsche Studie untersuchte die Kombination von Phagentherapie mit Antibiotika bei chronischen Harnwegsinfektionen und konnte eine synergistische, also sich gegenseitig verstärkende, Wirkung nachweisen, die zu einer besseren Entfernung der Erreger führte.
Diese Ergebnisse stärken die Evidenzbasis für den klinischen Einsatz von Phagen in Deutschland und unterstützen die Integration in die reguläre medizinische Versorgung.
Wissenschaftliche Quellen und Meta-Analysen
· Jault, P. et al. (2019). Efficacy and tolerability of a bacteriophage cocktail to treat burn wounds infected by Pseudomonas aeruginosa (PhagoBurn): a randomized, controlled, double-blind phase 1/2 trial. Lancet Infectious Diseases, 19(1), 35-45.
· Abedon, S. T. et al. (2017). Phage treatment of human infections. Bacteriophage, 7(1), e1440168.
· Ooi, M. L., et al. (2019). Phage Therapy for Multidrug-Resistant Bacterial Infections: A Systematic Review and Meta-Analysis. Antibiotics, 8(4), 217.
· Leitner, L., et al. (2021). Bacteriophage Therapy: Advances in Clinical Trials and Regulatory Aspects. Viruses, 13(6), 1086.
· Deutsches Gesundheitsportal (2026). Universitätsmedizin Frankfurt startet Einsatz neuartiger Infektionstherapien.
· SpringerLink (2025). Potenziale der Bakteriophagentherapie in Deutschland.
Fazit
Phagen bieten eine vielversprechende Ergänzung zur klassischen Antibiotikatherapie, besonders bei resistenten bakteriellen Infektionen. In Europa und speziell in Deutschland ist die Forschung aktiv und zeigt zunehmend positive klinische Ergebnisse. Die Behandlung ist derzeit meist teuer und individuell, weshalb weitere Studien und regulatorische Fortschritte nötig sind, um Phagen als Standardtherapie zu etablieren.
Wenn Sie mehr über Phagentherapie erfahren oder eine Behandlung in Erwägung ziehen, empfiehlt es sich, spezialisierte Zentren und aktuelle Studien zu konsultieren.
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