Montag, 15. Juni 2026

Negative Gedanken verstärken Schmerzempfinden

Negative Gedanken und Erwartungen verstärken Schmerz (Foto: pixabay.com)


Negatives Denken verschlimmert tatsächlich den Schmerz: Wissenschaftler entdecken den Mechanismus hinter dem Nocebo-Effekt.

 

Man stößt sich den Zeh, hat Schmerzen und erwartet, dass es nur noch schlimmer wird. Kommt Ihnen das bekannt vor? Diese negative Erwartung kann den Schmerz sogar noch verstärken. Wissenschaftler haben nun herausgefunden, welche Schaltkreise im Gehirn dafür verantwortlich sind.

Der sogenannte Nocebo-Effekt ist das Gegenteil des bekannteren Placebo-Effekts. Während positive Erwartungen Schmerzen tatsächlich verringern können, führt der Nocebo-Effekt dazu, dass Angst, Stress und negative Erwartungen die Schmerzen verschlimmern.

CCK verbindet zwei Hirnareale

Dass eine bestimmte Substanz im Gehirn, das Cholecystokinin (CCK), an diesem Prozess beteiligt ist, wissen Wissenschaftler schon lange. Doch nun wurde zum ersten Mal genau herausgefunden, über welchen Weg dies geschieht, nämlich über eine Verbindung zwischen zwei Hirnregionen: dem anterioren cingulären Kortex (ACC), der an der emotionalen Seite des Schmerzes beteiligt ist, und dem lateralen periaquäduktalen Grau (lPAG), einem Bereich im Hirnstamm, der die Schmerzempfindlichkeit beeinflusst. Sobald dieser Pfad aktiv wird, nimmt die Schmerzempfindlichkeit zu.

Nach Ansicht des Wissenschaftlers Loren Martin ist dies eine wichtige Entdeckung. "Forschende wissen schon seit Jahren, dass CCK beim Menschen mit Nocebo-Reaktionen verbunden ist, aber unsere Studie identifiziert den spezifischen Weg im Gehirn, über den dieses System Schmerzen verstärkt".

Schon der Anblick von Schmerz reichte aus

Für die Studie arbeiteten die Wissenschaftler mit Mäusen. Sie weckten negative Erwartungen, indem sie die Tiere an einen Ort zurückbrachten, an dem sie zuvor Schmerzen erlebt hatten. Sie wurden also in diesem Moment nicht verletzt, auch wenn sie es so wahrnahmen. Es erwies sich auch als ausreichend, wenn eine Maus eine andere Maus mit Schmerzen sah.

Mit Hilfe von Medikamenten und optogenetischen Techniken, mit denen man Zellen lichtempfindlich macht, konnten die Forschenden dann den Weg im Gehirn direkt beeinflussen. Wenn sie den Schaltkreis aktivierten, wurden die Mäuse schmerzempfindlicher. Wurde die Verbindung hingegen blockiert, blieb der Nocebo-Effekt aus. Das erklärt, warum frühere unangenehme Erfahrungen, Angst oder Anspannung körperliche Symptome verschlimmern können. Ärzte haben dies schon seit Jahren bei Patienten beobachtet, aber die genauen Gehirnprozesse, die dahinter stehen, waren noch nicht wirklich bekannt.

Der Schmerz ist keine Einbildung

Die Entdeckung könnte für die Behandlung chronischer Schmerzen und anderer Beschwerden, bei denen Angst und negative Erwartungen eine große Rolle spielen, von Bedeutung sein. "Wenn wir besser verstehen, welche Schaltkreise im Gehirn diese Effekte verursachen, können wir vielleicht Schmerzen bei Erkrankungen reduzieren, in denen Angst und negative Erwartungen die Symptome verschlimmern", sagt Martin.

Noch wichtiger ist vielleicht, dass die Forschungsergebnisse dazu beitragen, Vorurteile über chronische Schmerzen wegzunehmen. "Eine wichtige Auswirkung dieser Arbeit ist, dass sie bestätigt, was Patienten tatsächlich erleben", sagt Martin. "Die Schmerzverstärkung durch den Nocebo-Effekt ist nicht einfach nur eingebildet oder übertrieben. Das Gehirn erzeugt aktiv eine echte biologische Schmerzreaktion durch spezifische neuronale Schaltkreise". Diejenigen, die aufgrund von Ängsten oder negativen Erwartungen mehr Schmerzen empfinden, bilden sich also nichts ein. Das Gehirn spielt hier tatsächlich eine aktive Rolle.

Nocebo versus Placebo

Die meisten Menschen kennen den Placebo-Effekt: Wenn jemand erwartet, dass eine Behandlung hilft, kann sie tatsächlich Schmerzen oder Symptome lindern, auch wenn das Medikament keinen Wirkstoff enthält. Man glaubt zum Beispiel, dass eine Tablette die Kopfschmerzen lindert, woraufhin der Schmerz tatsächlich nachlässt, obwohl die Tablette eigentlich nichts bewirkt. Der Nocebo-Effekt funktioniert genau andersherum. Dabei verursachen negative Erwartungen tatsächlich mehr Schmerzen, Ängste oder Beschwerden. Dies kann durch frühere unangenehme Erfahrungen, Warnungen von anderen oder einfach durch die Erwartung, dass etwas wehtun wird, entstehen. Man erwartet beispielsweise, dass eine bestimmte Behandlung unangenehme Nebenwirkungen hervorruft, woraufhin man diese Symptome tatsächlich stärker spürt. Die neue Studie zeigt, dass der Nocebo-Effekt keine Anstellerei ist, sondern ein messbarer biologischer Prozess im Gehirn.


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