Nur zehn Cent pro Tag kostet das Medikament gegen Herzinsuffizienz, dessen Wirksamkeit Wissenschaftler aus Groningen jetzt bestätigt haben. Es überrascht nicht, dass es so billig ist, denn es stammt von einer Pflanze, die wir alle kennen: dem Fingerhut. Sie enthält Digoxin, das dafür sorgt, dass Menschen mit Herzschwäche seltener sterben.
Zu dieser Schlussfolgerung kommen drei Studien unter der Leitung von Dirk Jan van Veldhuisen, Kevin Damman und Peter van der Meer, alle Kardiologen am UMCG.
Das fünfte Medikament
In Deutschland leiden etwa vier Millionen Menschen an Herzschwäche oder Herzinsuffizienz und diese Zahl wird durch eine steigende Lebenserwartung weiter zunehmen. Bei den Betroffenen lässt die Pumpkraft des Herzens nach, was zu Beschwerden wie Atemnot und Erschöpfung führt. Dadurch steigen auch die Krankenhausaufnahmen bei diesen Patienten. Sie werden aktuell mit einer Kombination aus vier Medikamenten behandelt. Es gibt schon länger den Gedanken, dass Digoxin aus dem Fingerhut das fünfte Medikament sein könnte. Das wurden nun durch die Kardiologen des Universitätsklinikums im niederländischen Groningen bestätigt.
Pflanze oder Placebo
Die Kardiologen gaben Patienten mit Herzinsuffizienz drei Jahre lang zusätzlich zu ihrer herkömmlichen Behandlung eine niedrige Dosis Digoxin. Weitere 500 Patienten erhielten ein Placebo. Die Sterblichkeit und das Fortschreiten der Herzinsuffizienz nahmen in der Digoxin-Gruppe mit 19 Prozent ab. Das war allerdings statistische nicht signifikant. Wenn man zwei frühere Studien und damit eine viel größere Patientengruppe hinzunimmt, ergibt sich tatsächlich eine signifikante Wirkung. Am wichtigsten ist, dass die Zahl der Krankenhauseinweisungen um 25 Prozent zurückging.
Nach der ersten Studie mit 1.000 Patienten und der anschließenden Meta-Analyse mit zwei früheren Studien folgte eine dritte Studie. Dabei wurden 600 der 1.000 Patienten, die ein Placebo erhielten bzw. nicht erhielten, eingehender beobachtet. Dabei zeigte sich etwas Bemerkenswertes: Die Patienten, die Digoxin erhielten und es in den ersten sechs Wochen absetzen mussten, entwickelten eher Symptome als diejenigen, die nur ein Placebo erhalten hatten. Dies war ein beeindruckender und überraschender Effekt, fanden die Forschenden.
Preiswertes Mittel
Das Beste daran ist vielleicht, dass das Medikament so unglaublich billig ist. Es kostet weniger als 10 Cent pro Tag, während normale Medikamente schnell ein paar Euro pro Tag kosten. Das liegt daran, dass es das Medikament schon seit Jahrhunderten in pflanzlicher Form gibt: dem Fingerhut.
Doch was genau bewirkt diese Pflanze, die für Menschen mit Herzinsuffizienz so vorteilhaft ist? Sie reduziert "alle Arten von ungünstigen Kompensationsmechanismen", wie die Groninger Wissenschaftler es nennen. So hemmt Fingerhut beispielsweise Stresshormone wie Adrenalin und entlastet so das Herz. Allerdings ist es wichtig, eine niedrige Dosis zu verwenden. Eine hohe Dosis führt dazu, dass sich der Herzmuskel stärker zusammenzieht, obwohl er entlastet werden sollte.
Kein neues Mittel
Das Mittel ist übrigens nicht völlig neu. Ungefähr 15 Prozent der Patienten bekommt bereits Digoxin verordnet. Das hat in den vergangenen Jahrzehnten schrittweise abgenommen, weil andere Medikamenten auf den Markt kamen. Die Kardiologen erwarte, dass sich das nun wieder ändert. Sie hoffen, dass Digoxin wieder häufiger verschrieben wird, weil es effektiv, sicher und kostengünstig ist.
Es wird jedoch davon abgeraten, Fingerhut selbst zu pflücken. Man nimmt schnell zu viel davon zu sich, und in hohen Dosen ist die Pflanze hochgiftig.
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