Donnerstag, 6. April 2017


140 Zeichen beim Kurznachrichten-Dienst Twitter können Auskunft über das Körpergewicht des Nutzers geben, meinen Wissenschaftler. Dafür entwarfen sie eigens ein Computerprogramm.


Wie viele Kalorien passen in die 140 Zeichen eines Twitterberichtes? Amerikanische Forscher der Universität Vermont haben ein Computerprogramm entwickelt, dass Verhalten und Gesundheit der Bevölkerung anhand von Berichten in den sozialen Medien messen kann. Sie veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Messungen mit dem sogenannten »Lexicocalorimeter« in der wissenschaftlichen Zeitschrift »PLOS ONE«.



Die meisten Kalorien stammen von der Pizza

In allen amerikanischen Tweets sorgte das Wort »Pizza« für die meisten Kalorien. Nur in den Staaten Mississippi und Wyoming führten jeweils »Sahneeis« und »Kekse« die Rangliste an, aber auch dort fand sich »Pizza« auf einem der vorderen Plätze. Auf der Ausgabenseite - sprich: Kalorien verbrennen - standen überall die Aktivitäten »Fernsehen« oder »Film schauen« auf den höchsten Plätzen im Ranking.



50 Millionen geogetaggte Tweets verraten, was gegessen wird

Für die Studie untersuchten die Forscher eine Auswahl von 50 Millionen Tweets, die 2011 und 2012 aus Amerika verschickt wurden. Mit Hilfe der Geotags konnten sie bestimmen, aus welchem Staat die Nachrichten stammten. Das Computerprogramm suchte in den Tweets nach Worten, die etwas über die Kalorienaufnahme oder den Kalorienverbrauch sagen konnten. An jedes der Tausenden von Schlagwörtern koppelten die Forscher eine Zahl als Maß für Energieaufnahme oder -verbrauch. Anschließend legten sie Ranglisten pro Staat an mit Kalorienwörter, die am meisten vom amerikanischen Durchschnitt abwichen und so konnten sich die Forscher ein Bild machen über die Unterschiede innerhalb der Vereinigten Staaten. Pro Staat konnten sie beurteilen, ob viel essen auch mit viel Bewegung einherging. Die Daten des Lexicocalorimeters wurden auf einer öffentlich zugänglichen Übersichtsseite wiedergegeben. Einwohner von Colorado kommen bei den präsentierten Forschungsergebnissen am besten weg, die Bevölkerung von Mississippi am schlechtesten.



Die Grenzen der Studie

Ein nettes Forschungsspielzeug, der Lexicocalorimeter, aber was sagen die Daten nun eigentlich aus? Die Wissenschaftler weisen selbst bereits darauf hin, dass Tweets natürlich nicht unbedingt eine verlässliche Quelle dafür sind, was Twitter-Nutzer essen und wie viel sie sich bewegen. Und in der Tweet-Auswahl, mit der die Studie durchgeführt wurde, finden sich auch Nachrichten von Firmen und Behörden, die natürlich nichts über die persönliche Lebensweise aussagen. Zudem ist es nur ein gewisser Teil der Bevölkerung, der Twitter nutzt. Vor allem junge Leute aus städtischer Umgebung sind in sozialen Medien wie Twitter aktiv.

Und es gibt weitere Fallstricke. Einige Wörter, die als Schlüsselwörter verwendet wurden, sind doppeldeutig. Die Forscher nennen dabei selbst schon als Beispiel das Verb »run«, zu deutsch laufen. »Run« wird als die Aktivität »Rennen« verstanden, aber gleichzeitig ist es im Wörterbuch »Oxford English Dictionary« das Verb mit den meisten Bedeutungen - wie beispielsweise »durchbohren oder aufspießen« (run through) oder »auf Dauer« (in the long run). Das hat natürlich nichts mehr mit Bewegung oder Sport zu tun, geschweige denn mit Kalorienverbrauch.



Ein ordentlicher Indikator für den Gesundheitszustand

Ungeachtet dieser Einschränkungen liefert die Analyse dennoch sinnvolle Informationen, meinen die amerikanischen Wissenschaftler. Sie verglichen das mit dem Lexicocalorimeter erhaltene Kalorienverhältnis (Kalorienaufnahme geteilt durch Kalorienverbrauch) mit bekannten Gesundheitsstatistiken wie Übergewicht, Diabetes, Blutdruck und Lebenserwartung. Daraus ergab sich, dass der Lexicocalorimeter in jedem Fall ein ziemlich guter Indikator ist für den Gesundheitszustand der Bevölkerung des jeweiligen Staates.



Eine Ergänzung zu bisherigen Untersuchungsmethoden

Die Forscher hoffen, dass der Lexicocalorimeter sich zu einer wertvollen Ergänzung für vorhandene epidemiologische Datenbestände entwickeln kann. Vorteil der Methode ist, dass sie auch in Echtzeit funktioniert. Ähnliche Experimente sind schon früher durchgeführt worden, um regionale Krankheitsausbrüche zu erfassen. Daraus ging hervor, dass die Infektionsherde mit digitaler Datenanalyse schneller zu entdecken waren als mit dem üblichen epidemiologischen Netzwerk der Mediziner.



Messungen für Glücksempfinden, Schlafprobleme, Alkoholmissbrauch

Die Algorithmen des Lexicocalorimeter sind auch auf andere Interessensgebiete anwendbar. Inzwischen gibt es schon einen Hedonometer, der auf Basis von Tweets untersucht, wie glücklich Menschen sind. Die Forscher haben zudem Pläne für einen Insomniameter, um sich eine Übersicht über Schlafprobleme zu verschaffen und für einen Hangovermeter, der Informationen über Alkoholmissbrauch preisgeben soll.

Wie gut, dass es also soziale Medien gibt. Fragt sich nur, wer sich um das Glück und die Probleme der Social-Media-Verweigerer kümmert. Aber die sind vielleicht ohnehin glücklicher und schlafen besser.

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