Mittwoch, 5. März 2014


 
Im mittleren Lebensalter nicht zu viel Eiweiß essen
(Foto: bluedge / pixabay.com)

Eine sehr eiweißreiche Ernährung im mittleren Lebensalter erhöht das Risiko, vorzeitig oder an einer Krebserkrankung zu sterben.


Die leckeren »Chicken Wings«, die Sie gerade essen, könnten genauso tödlich sein wie eine Zigarette. In einer neuen Studie, die beinahe 20 Jahre eine große Zahl von Teilnehmern untersuchte, fanden Wissenschaftler heraus, dass im mittleren Lebensalter eine Ernährung mit viel tierischem Eiweiß das Risiko an Krebs zu sterben um das Vierfache erhöht. Das ist vergleichbar mit dem Sterblichkeitsrisiko von Rauchern.

Sehr viel Eiweiß kann ungesund sein

»Es ist ein Irrglaube zu denken, weil wir alle essen, ist das Verständnis für Ernährung simpel. Aber die Frage ist nicht, ob eine bestimmte Ernährung erlaubt uns drei Tage gut zu fühlen, sondern ob sie uns hilft, bis 100 zu überleben«, sagt Studienautor Valter Longo, Professor für Biogerontologie.
Übermäßiger Eiweißkonsum ist nicht nur mit einem dramatischen Anstieg der Krebssterblichkeit verbunden, sondern Menschen im mittleren Lebensalter, die viel tierisches Eiweiß - inklusive Fleisch, Milch und Käse - essen, haben allgemein ein höheres Sterblichkeitsrisiko ergab die Studie. Die Eiweiß-Liebhaber hatten während der Studienperiode ein 74 Prozent höheres Risiko vorzeitig zu sterben im Vergleich zu den Teilnehmern, die weniger Eiweiß verzehrten. Auch die Wahrscheinlichkeit an Diabetes zu sterben war höher.

Ernährung muss je nach Alter angepasst werden

Doch wie viel Eiweiß wir nun essen sollten, war lange Zeit ein kontroverses Thema. Nicht zuletzt die Popularität eiweißreicher Diäten wie Paleo und Atkins haben zu dieser Verwirrung beitragen. Vor dieser Studie konnten Wissenschaftler bislang keinen Zusammenhang zwischen eiweißreicher Ernährung und Sterblichkeitsrisiko aufzeigen.
Anstatt das Erwachsenenalter als eine untrennbare Lebensphase zu untersuchen, wie andere Forscher es taten, hat die aktuelle Studie betrachtet, wie die Biologie sich ändert, wenn wir altern und wie Entscheidungen im mittleren Lebensalter die Lebensspanne eines Menschen beeinflussen können.

Ab 65 ist viel Eiweiß gesund

Mit anderen Worten: Was gut für uns ist in einem bestimmten Alter, kann in einer weiteren Lebensphase schädlich sein. Eiweiß kontrolliert das Wachstumshormon IGF-I, das unseren Körper wachsen lässt, aber steht auch in Verbindung mit einer erhöhten Anfälligkeit für Krebs. Der Spiegel des Wachstumshormons IGF-I sinkt ab dem Alter von 65 dramatisch, was zu Gebrechlichkeit und Muskelabbau führt. Die Studie zeigt, dass ein hoher Eiweißkonsum im mittleren Alter sehr ungesund ist, aber schützend für Senioren: Ab 65 macht ein mäßiger bis hoher Eiweißverzehr weniger krankheitsanfällig.

In der Mitte des Lebens nur wenig Eiweiß

»Die Forschungen zeigen, dass eine eiweißarme Ernährung im mittleren Lebensalter durch einen Prozess, der die Regulierung des Wachstumshormons und möglicherweise des Insulinspiegels betrifft, vorbeugend gegen Krebs und ein höheres Sterblichkeitsrisiko wirkt«, sagt Co-Autorin der Studie Eileen Crimmins. »Deshalb empfehlen wir im fortgeschrittenen Lebensalter eiweißreich zu essen, um ein gesundes Gewicht zu erhalten und Gebrechlichkeit zu vermeiden.«

Pflanzliches Eiweiß günstiger als tierisches Eiweiß

Interessanterweise stellten die Wissenschaftler fest, dass pflanzliches Eiweiß wie das aus Bohnen, nicht die gleichen Sterblichkeitseffekte zeigt wie tierisches Eiweiß. Auch scheinen die Krebs- und Sterblichkeitsraten nicht durch die Kontrolle des Kohlenhydrat- oder Fettkonsums beeinflusst zu werden, was darauf hindeutet, dass tierisches Eiweiß der Hauptschuldige ist.
»Die Mehrheit der Amerikaner ist doppelt soviel Eiweiß wie sie sollten und das beste wäre, den täglichen Gesamtkonsum an Eiweiß zu senken, aber besonders das tierische Eiweiß«, sagt Longo. »Aber seien Sie nicht zu drastisch beim Weglassen von Protein; der Grad zwischen gut schützt und unterernährt ist schmal.«

0,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht

Die Forschungsergebnisse von Longo unterstützen die Empfehlungen verschiedener führender Gesundheitsorganisationen, um im mittleren Lebensalter pro Kilogramm Körpergewicht 0,8 Gramm Eiweiß täglich aufzunehmen. So sollte ein 80 Kilogramm schwerer Mensch etwa 64 Gramm Eiweiß - vorzugsweise aus pflanzlichen Quellen wie Gemüse - täglich zu sich nehmen.
Die Forscher definieren eine Ernährung als »sehr eiweißreich«, wenn 20 Prozent der täglichen Gesamtkalorien aus Eiweiß - egal ob pflanzlich oder tierisch - bestehen. Eine moderat eiweißreiche Ernährung hat 10 bis 19 Prozent Eiweiß und eine eiweißarme Ernährung weniger als 10 Prozent Eiweiß.

Auch moderater Eiweißverzehr erhöht Krebsrisiko

Sogar moderate Mengen an Proteinen hatten im mittleren Lebensalter nachteilige Effekte, dokumentierten die Forscher. Die 6.318 Studienteilnehmer im Alter von über 50 nahmen etwa durchschnittlich 16 Prozent der täglichen Gesamtkalorienmenge in Form von Eiweiß auf, wovon zwei Drittel tierisches Eiweiß. Das entspricht dem Durchschnittsverzehr der amerikanischen Gesamtbevölkerung. Die Studie war auch repräsentativ hinsichtlich ethnischer Herkunft, Bildung und gesundheitlichem Hintergrund.
Menschen, die eine moderate Menge an Proteinen aßen, hatten ein dreimal höheres Risiko an Krebs zu sterben als Menschen, die sich im mittleren Lebensalter eiweißarm ernährten. Insgesamt senkte eine minimale Veränderung von moderatem zu eiweißarmem Konsum das Risiko für einen frühen Tod um 21 Prozent.

Mehr Wachstumshormon führt zu Krebs

Bei einer kleineren zufällig ausgewählten Gruppe von 2.253 der Studienteilnehmer wurde der Wachstumshormonspiegel direkt gemessen. Die Ergebnisse zeigten für jede Erhöhung von 10 ng/ml des Wachstumfaktors IGF-I ein 9 Prozent höheres Risiko an Krebs zu sterben, wenn die Ernährung sehr eiweißreich war.
Die Forscher untersuchten den Zusammenhang zwischen sehr eiweißreicher Ernährung und Sterberisiko auch noch an Mäusen und Zellkulturen. Sie untersuchten Tumorhäufigkeit und Tumorwachstum bei Mäusen und Zellkulturen und stellten nach zwei Monaten fest, dass bei einer eiweißarmen Ernährung seltener Krebs auftritt und die Tumoren um 45 Prozent kleiner sind.
»Beinahe jeder wird irgendwann eine Krebszelle oder Vorstufen im Körper haben. Die Frage ist: Wird sie wachsen?«, sagt Longo. »Einer der Hauptfaktoren, der das bestimmt, ist die Eiweißaufnahme.«

Quelle: Morgan E. Levine, Jorge A. Suarez, Sebastian Brandhorst, Priya Balasubramanian, Chia-Wei Cheng, Federica Madia, Luigi Fontana, Mario G. Mirisola, Jaime Guevara-Aguirre, Junxiang Wan, Giuseppe Passarino, Brian K. Kennedy, Min Wei, Pinchas Cohen, Eileen M. Crimmins, Valter D. Longo: Low Protein Intake Is Associated with a Major Reduction in IGF-1, Cancer, and Overall Mortality in the 65 and Younger but Not Older Population. Cell Metabolism - 4 March 2014 (Vol. 19, Issue 3, pp. 407-417),DOI: 10.1016/j.cmet.2014.02.006

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