Donnerstag, 20. August 2026

Schlafprobleme durch beruflichen Stress: Fast 70 Prozent der über 50-jährigen leidet darunter

Ab 50 leiden viele durch beruflichen Stress unter Schlafstörungen (Foto: pixabay.com)


Berufstätige ab 50 leiden unter starken Schlafproblemen durch beruflichen Stress.

 

Oft glauben sie, dass sie einfach nur ab und zu zu wenig schlafen, doch in Wirklichkeit leiden fast 70 Prozent der Arbeitnehmer über 50 unter anhaltenden, schweren Schlafproblemen. Und das, obwohl sie zuvor in ihrem Leben noch nie mit einer Schlafstörung zu kämpfen hatten. Eine neue Studie der Universität Edinburgh deckt eine verborgene Krise auf und benennt einen eindeutigen Übeltäter: Arbeitsstress.

 

Mehr als 9 von 10 Teilnehmern erreichten während der Studie mindestens einmal den Schwellenwert für eine Schlafstörung. Und das ist in vielen Fällen auf Stress am Arbeitsplatz zurückzuführen. Probanden, die eine bessere Work-Life-Balance und mehr Freude an der Arbeit angaben, fühlten sich im Allgemeinen auch besser. Niedergeschlagenheit und Reizbarkeit am Arbeitsplatz gingen hingegen mit einem schlechteren allgemeinen Wohlbefinden einher.

Experten schlagen Alarm. Arbeitgeber, politische Entscheidungsträger und Gesundheitsdienstleister müssen der Schlafqualität und der Arbeitszufriedenheit mehr Aufmerksamkeit schenken, damit Arbeitnehmer über 50 länger gesund und erwerbstätig bleiben können.

Über 5.000 Nächte dokumentiert

Ein Jahr lang wurden 45 Arbeitnehmer im Alter zwischen 50 und 66 Jahren aus verschiedenen Branchen beobachtet. Das Team sammelte mehr als 1.900 selbstausgefüllte Fragebögen zum Wohlbefinden und zur Arbeitszufriedenheit und analysierte diese Daten zusammen mit den Aufzeichnungen von tragbaren Sensoren aus mehr als 5.200 Nächten. Schlafprobleme wie schlechte Schlafqualität und häufiges Aufwachen traten bei fast allen Teilnehmern auf.

 

Man weiß erst jetzt, dass Schlafprobleme bei berufstätigen Menschen über 50 in so großem Umfang vorkommen, da Schlafstudien in der Vergangenheit vor allem an Menschen mit bereits bestehenden Erkrankungen durchgeführt wurden. Frühere Studien befassten sich vor allem mit der Schlafdauer oder verwendeten weniger detaillierte Messmethoden, wodurch Schlafstörungen leicht übersehen wurden.

Nicht zu wenig Schlaf, aber gestörter Schlaf

Auf die Frage nach den Gründen für ihre Müdigkeit nennen die Teilnehmer oft Schlafmangel, doch die Daten der Armbanduhren erzählen eine ganz andere Geschichte. Diese zeigen nämlich, dass 90 Prozent der Teilnehmer während der Studie unter Schlafstörungen litten, die meisten jedoch im Durchschnitt zwischen 6,5 und 8 Stunden pro Nacht schliefen. Es scheint also weniger um einen Schlafmangel zu gehen, sondern vielmehr um einen gestörten Schlaf, weshalb sich so viele Menschen nicht ausgeruht fühlen.

 

Mithilfe künstlicher Intelligenz ermittelte das Team, welche Faktoren eine Rolle spielen. Dabei kristallisierten sich immer wieder die Erfahrungen am Arbeitsplatz als wichtigster Übeltäter heraus. Zudem zeigte sich, dass das Wohlbefinden in engem Zusammenhang mit der Work-Life-Balance und der Arbeitszufriedenheit steht. Teilnehmer, die sich bei der Arbeit niedergeschlagen, gereizt oder angespannt fühlten, berichteten durchweg von einem geringeren Wohlbefinden – ein Befund, der bei Männern und Frauen gleichermaßen auftrat und für alle Branchen galt.

Eine alternde Erwerbsbevölkerung

Die Ergebnisse kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Erwerbsbevölkerung in der westlichen Welt rasch altert. In Deutschland sind etwa 80 Prozent der berufstätigen Männer und etwa 70 Prozent der berufstätigen Frauen älter als 50 Jahre. Da gesundheitliche Beschwerden einer der Hauptgründe dafür sind, dass Menschen vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden, ist es von entscheidender Bedeutung, die Gesundheit und das Wohlbefinden älterer Arbeitnehmer besser zu fördern.

Neue Ausrichtung nötig

Der Leiter der Studie, Athanasios Tsanas, traute seinen Augen kaum: „Ich habe jahrelang Daten von Patienten mit Schlaf- und psychischen Störungen analysiert und war sprachlos angesichts des enormen Ausmaßes der Schlafprobleme, die wir bei dieser ansonsten nicht diagnostizierten Gruppe festgestellt haben. Unsere Analyse zeigt deutlich, dass viele dieser Schlafprobleme arbeitsbedingt sind und dass das allgemeine Wohlbefinden stark von der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben abhängt.“

„Dank der Smartwatch-Daten haben wir subtile Muster aufgedeckt, die bisher noch nie untersucht worden waren. Mit diesen neuen Erkenntnissen lassen sich konkrete neue Interventionsstrategien entwickeln: ein Fahrplan, der den Menschen dabei hilft, ein gesünderes und angenehmeres Leben aufzubauen, je näher sie ihrem Ruhestand kommen.“

Wirklich überrascht

„Wir wussten bereits aus früheren Untersuchungen, dass Schlaf die Arbeit beeinflusst und die Arbeit wiederum den Schlaf“, erklärt die Wissenschaftlerin Belinda Steffan. „Aber wir waren ehrlich gesagt überrascht, in welchem Ausmaß unsere Untersuchungsgruppe mit Schlafproblemen zu kämpfen hatte. Zwar gibt es einige altersbedingte Störfaktoren wie die Wechseljahre und den körperlichen Alterungsprozess, doch spielen auch weitaus umfassendere Faktoren eine Rolle, wie zum Beispiel Stress durch Pflegeaufgaben, finanzielle Belastungen und Arbeitsstress. Unsere Studie zeigt, dass Schlaf ein Thema der Gesundheit und des Wohlbefindens am Arbeitsplatz ist. Unternehmen und Arbeitgeber dürfen nicht wegschauen. Sie müssen sich mit den Auswirkungen arbeitsbedingter Schlafprobleme auf ihre Belegschaft auseinandersetzen. Der Kontext unserer Studie konzentriert sich auf Arbeitnehmer über 50, aber diese Schlussfolgerungen sind für alle Altersgruppen relevant.“

 

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